Am 15. Oktober 2012 stellte Thomas Strasser, Lehrer, eLearning-Experte, Lehreraus- und -fortbilder  an der PH Wien Todaysmeet vor. Auch diese Online-Fortbildung war Teil der Fortbildungsreihe, welches das neue Praxisbuch Web 2.0 begleitet.

Zu Beginn seines Vortrags erinnerte Thomas Strasser nochmals daran, dass er keineswegs „alte“ Lehrmethoden an den Pranger stellen und durch neue, moderne Lehrmethoden ersetzen möchte. Vielmehr geht es ihm beim Einsatz der neuen Medien darum, die herkömmlichen Lehrmethoden an die neuen Umstände anzupassen und im Rahmen des „blended learning“ authentisches Arbeiten mit dem Web 2.0 zu ermöglichen. Dabei steht nicht die Technik an sich im Vordergrund, sondern ihr didaktischer Mehrwert. Dies reformiere den Unterricht dahingehend, als dass David Wileys „Prinzipien der Offenheit“ vom Alltag auf den Unterricht übertragen werden und somit die Trennung von (flexiblem) Alltag und (bisher unflexiblem) Schulalltag der Vergangenheit angehöre.

Der Alltag, so Strasser, sei schon längst digital, mobil, vernetzt, und setze auf die Produktivität des Individuums. Wieso also solle die Schule nach wie vor im starren Paradigma von analogem, in festgelegten Bahnen verlaufendem, isoliertem Konsum von Allgemeinwissen, das den Einzelnen gar nicht oder nur am Rande betreffe und damit auch nicht aktiviere, verharren? Genau hier setzte Thomas Strassers Idee der „educational apps“, dem didaktisierten Web 2.0 an. Indem der Lehrer die Web 2.0 – Anwendungen didaktisiere mutiere er vom reinen Wissensvermittler zum „learning coach“, der seinen SchülerInnen tatkräftig als Berater zur Seite stehe, ihnen jedoch einen möglichst großen Freiraum biete, sich selbst zu entwickeln und selbst zu entdecken.

Ein solches leicht zu didaktisierendes Webtool ist Todaysmeet, eine Kreuzung aus Twitter und Chatraum, deren vielfältige Verwendungsmöglichkeiten Strasser im Anschluss vorstellte. Der Unterschied zum reinen Chatraum oder zum kollaborativen Schreiben mit Hilfe von z.B. TitanPad ist bei Todaysmeet die für Twitter typische Begrenzung auf 140 Zeichen (inklusive Leerzeichen), welche den Schüler dazu zwingt, sich kurz aber präzise auszudrücken, eine Grundfertigkeit in der heutigen Welt. Anders als bei Twitter ist hier jedoch die Privatsphäre weitaus geschützter, weil es zum einen nicht nötig ist, sich mit einer Emailadresse zu registrieren und zum anderen die URL des Raums (im Idealfall) nur denjenigen bekannt ist, die sich darin aufhalten sollen. Ebenso kann der Raum ein „Verfallsdatum“ haben und es gibt ein Archiv zur Sicherung der Inhalte.

Folgende Ideen stellte Thomas Strasser vor:

  1. Backchanneling: SchülerInnen stellen Fragen, die kurz vor Ende der Stunde zur Diskussion gestellt werden
  2. Feedback durch die SchülerInnen (wobei darauf zu achten ist, dass vorher Feedbackregeln besprochen werden)
  3. Impulsfeedback: SchülerInnen posten Schlagwörter zu den Highlights der Stunde
  4. Quizmania: freiwillige Teilnahme an einem Quiz von zu Hause aus – wer zuerst die richtige Antwort postet, bekommt „credits“ für die Mitarbeit (hier können die SchülerInnen auch angeleitet werden, Fragen zur nächsten Klassenarbeit zu antizipieren)
  5. Vocabmania / Keywordmania: der Lehrer postet ein Wort (z.B. in der Muttersprache) und die SchülerInnen kontextualisieren es in der Fremdsprache zur Sicherung des Vokabulars
  6. FAQs vor Prüfungen: kurze Stellungnahme zu einem verlinkten Artikel, der als Impuls dient
  7. Online-Sprechstunde, z.B. vor der Klassenarbeit und in der Fremdsprache
  8. Feedback bei Schülerpräsentationen
  9. Posten von interessanten Links
  10. Reading Comprehension
  11. Grammatikarbeit: z.B. Zeitformen & alle müssen einen Satz dazu posten – wobei hier die Gefahr besteht, dass abgeschrieben wird
  12. Kollaboratives Schreiben von Geschichten

Bei einigen diese Ideen, wie z.B. der Online-Sprechstunde werden Kritiker natürlich den Mehrwert des Einsatzes von Todaysmeet in Frage stellen, da Fragen auch per Email gestellt werden könnten. Im Hinblick auf Feedback für MitschülerInnen und LehrerInnen könnte bemängelt werden, dass SchülerInnen lernen sollten, in korrekter sachlicher Art mündlich Stellung zu nehmen ohne sich in die Anonymität des Internets zu flüchten. Jedoch ist die Unmittelbarkeit von Todaysmeet ein nicht zu vernachlässigender Faktor in der heutigen interaktiven Welt, in der man längst nicht mehr unbedingt den Kundenservice eines Unternehmens für teures Geld anrufen muss, sondern schnell und unkompliziert per Live-Chat Hilfe erbitten kann. Des Weiteren ist der Todaysmeet-Raum durch seine relative Privatsphäre keineswegs ein anonymer Raum, sondern erzieht unter den richtigen Voraussetzungen geradezu dazu, sich nicht hinter einem Pseudonym zu verstecken, sondern dafür einzustehen, was man schreibt. Schließlich ist man zwar als LehrerIn durch diese Art der Arbeit mitunter gezwungen, zu einer bestimmten Zeit am Rechner zu sitzen, jedoch ist man im Gegenzug dazu von der (selbst auferlegten) Last befreit, stündlichen seine Mails zu checken, um eventuelle Fragen der SchülerInnen zeitnah beantworten zu können. Ein weiterer nicht zu vernachlässigender Mehrwert der Nutzung der neuen Medien ist die Ausbildung eines bewußten Umgangs mit den neuen Medien und der kontinuierlichen Übung der Netiquette.

Schade finde ich persönlich lediglich, dass Todaysmeet bisher nicht in andere Webseiten einbettbar ist (z.B. in Moodle) und trotz einem relativ großen Schutz der Privatsphäre nicht zu 100% geschützt ist, womit sensible Themen eher nicht angeschnitten werden sollten. Der seriöse Support hingegen spricht dafür, Todaysmeet trotzdem eine Chance zu geben, da kurzlebige Räume nach der Sicherung der Archivdaten auch gelöscht werden können.

Alles in allem wieder einmal eine Meisterleistung von Thomas Strasser, der es hervorragend versteht, seinen ZuhörerInnen einen interessanten und wissenschaftlich fundierten Vortrag zu bieten, ohne den Praxisbezug zu vernachlässigen und auf eventuelle Rückfragen umgehend einzugehen. So schaffte er es erneut, allen ZuhörerInnen, ob Neulinge oder „alte Hasen“ auf dem Gebiet der neuen Medien im Fremdsprachenunterricht, unmittelbar einsetzbare und mit wenigen Handgriffen umsetzbare Ideen zu vermitteln, die den Unterricht revolutionieren und gleichzeitig die Vorteile der neuen Medien ins Blickfeld rücken.

Die Aufzeichnung dieser Fortbildung finden Sie hier.

PS: Übrigens ist gerade Thomas Strassers neuestes Werk Mind the App (mit Online-Tutorials!) beim Helbing-Verlag erschienen, eine Goldgrube an Ideen für alle EnglischlehrerInnen.