Am gestrigen Donnerstagabend fanden sich insgesamt 18 TeilnehmerInnen im AdobeConnect-Raum des LPM Saarbrücken ein, um wieder einmal Mélanie Auriel (Collège Numérique 56) zu lauschen. Nachdem sie vor einigen Monaten über die Möglichkeit berichtete, mit GoogleDocs Tests zu erstellen, ging es diesmal um die sogenannte „Cl@sse Connectée

Zu Beginn merkte Mélanie Auriel an, dass es momentan sowohl auf Lehrerebene als auch hinsichtlich des institutionellen Rahmens diverse Probleme gibt, denen sie versucht, mit der Idee der „Cl@sse Connectée“ entgegen zu wirken.

Auf Seiten der Lehrer herrsche oft Unkenntnis in Bezug auf die zur Verfügung stehenden Werkzeuge und Ressourcen. Des Weiteren fehle es an geeigneten Forbildungsangeboten, um technisch eher unbedarften Kollegen begreiflich zu machen, wie sich neue und traditionelle Methoden gegenseitig ergänzen können. Jedoch fehle es Vielen nicht nur an Fortbildungsangeboten sondern schlichtweg an Zeit und Geld, die investiert werden müssten, um sich über neue Entwicklungen auf dem Laufenden zu halten. Nur wenn sie verstehen, dass es durchaus nützlich sein kann, die neuen Medien zum Training bestimmter Kompetenzen einzusetzen, kann das Fremdsprachenlernen aktiv, interaktiv und kollaborativ stattfinden, eine Notwendigkeit, die auf den europäischen Referenzrahmen zurückgeht. Er verlangt, dass jeder einzelne Schüler jede Stunde möglichst viel spricht, wobei dies bereits in Klassen ab 15 SchülerInnen eine recht realitätsferne Vorstellung ist, ganz zu schweigen von Klassen mit 30 und mehr SchülerInnen. Und genau hier setzt die Idee der „Cl@sse Connectée“ an.

Im „vernetzten Klassenzimmer“ geht es weniger darum, mit Hilfe des Internets mit der Welt vernetzt zu sein (auch wenn dies durchaus der Fall sein kann), sondern vielmehr sollen die SchülerInnen, LehrerInnen und die zu trainierenden Fähigkeiten untereinander vernetzt werden und so ein Maximum der Binnendifferenzierung erreicht werden. Dies kann anhand verschiedenster Geräte, Lernplattformen und Werkzeugen bewerkstelligt werden. Hier geht es nicht darum, die vermeintlich beste Methode auszuwählen, sondern vielmehr darum, eine Kombination an für die jeweiligen Unterrichtsziele und die jeweilige Lerngruppe passenden Lernmitteln zur Verfügung zu stellen. Dabei lohnt es sich jedoch erst gar nicht, nach Perfektion zu streben, denn jedes nur erdenklich Werkzeug hat seine Vor- und Nachteile: So haben Computer und Lernplattformen wie Moodle ebenso ihre Schwächen und Grenzen wie die Idee des BYOD (Bring your own device), und auch Web 2.0 – Tools sind zwar meist intuitiv und mit wenig Aufwand nutzbar, jedoch benötigen sie Browser, die stets auf dem neuesten Stand sind, da schon ein fehlendes Flash-Plugin den Einsatz des Tools unmöglich machen kann (zumal die LehrerInnen nur selten Admin-Rechte auf dem PC haben und somit auch nicht schnell fehlende Plugins installieren können).

Die Idee der „Cl@sse Connectée“ wird momentan im Département Morbihan (56) umgesetzt und beruht darauf, den Schülern ohne großen Aufwand, d.h. im eigenen Klassenzimmer, in bestimmten Unterrichtsphasen die notwendigen multimedialen Lernmittel zur Verfügung zu stellen, die sie benötigen, um unter Idealbedingungen zu lernen. Der Klassenraum ist hierbei in kleine Lerninseln aufgeteilt, an denen einzelne Geräte (z.B. Videokamera, Tablet-PC …) benutzt werden können. Hierbei soll sich das Lehrerpult an einem Platz im Klassenzimmer befinden, wo der Lehrer jederzeit verfügbar ist, jedoch auch den Überblick nicht verliert. Haben die SchülerInnen an einigen Stationen Internetzugang und man hat keinen Blick auf den Bildschirm, so kann man mit Hilfe eines Programms wie iTALC jederzeit alle relevanten Bildschirme überwachen und ggf. ausschalten (z.B. wenn der Schüler lieber chattet als arbeitet). Kollaboratives Schreiben mit Hilfe von z.B. Framapad kann auch direkt mit dem Beamer an die Wand geworfen werden, sodass man sehr schnell sieht, welcher Schüler sich beteiligt und wer lieber vor sich hinträumt.

Im Idealfall gibt es in der „Cl@sse Connectée“ einen Beamer oder ein TBI, MP3/4-Player, Tablet-PCs, Computer, eine Kamera, ein Diktaphon und einen digitalen Stift, jedoch sind der Phantasie keine Grenzen gesetzt.

Natürlich ist es unmöglich für einzelne LehrerInnen oder auch Schulen, alle nur erdenklichen digitalen Lehrmittel selbst anzuschaffen – liegt doch schon allein der Preis eines halben Klassensatzes Tablet-PCs gut und gerne im fünfstelligen Bereich. Aus diesem Grund gibt es im Morbihan die Ticothèque, wo sich jeder Lehrer das notwendige Material kostenlos ausleihen kann.

Anwendungsbeispiele gibt es viele: so kann man z.B. mit Hilfe einer Station mit MP3/4-Playern das Hörverstehen aber auch die eigene Ausdrucksfähigkeit trainieren (und der Lehrer kann anschließend ebenfalls mündlich korrigieren), man kann mittels eines digitalen Stifts Rechercheergebnisse, die später ihren Weg in eine Powerpoint-Präsentation finden sollen (und auch mit den Mitschülern geteilt werden können) digitalisieren oder Tablet-Apps können genutzt werden, um bestimmte Fähigkeiten mehrkanalig zu trainieren. Ebenfalls erlaubt ein digitales Diktaphon die Aufnahme von Schülerdebatten, die dann im Anschluss analysiert werden können. Zu den Web 2.0-Tools die u.a. genannt wurden gehören Mindomo (Mindmapping), Lingtlanguage (Sprachaufnahme), autokorrektive Übungen, OpenSankore (interaktive Whiteboard-Software für u.a. Screencasts) und Framapad (kollaboratives Schreiben).

Im Prinzip finde ich die Idee der „Cl@sse Connectée“ in der der Lehrer nicht mehr Alleinunterhalter ist, sondern ein „learning facilitator“ genial. Die einzige Einschränkung ist hierbei, dass derjenige, der die Idee umsetzen möchte, sich stets vor der Nutzung bestimmter Lernszenarien die Frage stellen (und ehrlich beantworten) sollte, was der konkrete Mehrwert des Einsatzes eines bestimmten Geräts oder Werkzeuges ist. Dies ist notwendig, um nicht in die „Spaßfalle“ zu tappen, kann es doch schon sehr verlockend sein, mit den SchülerInnen gemeinsam etwas herumzuexperimentieren. Ist jedoch der Mehrwert der eingesetzten Lehrmittel gegeben, so können die SchülerInnen nur davon profitieren.

Natürlich kann man beim Einsatz neuer Lehrmethoden schnell ins Kreuzfeuer besorgter Eltern geraten und muss somit jederzeit dazu in der Lage sein, diesen Eltern den konkreten Mehrwert vor Augen zu führen, jedoch ohne sich in Verteidigungshaltung zu begeben oder gar anzufangen, sich zu rechtfertigen. Mal ganz abgesehen davon, dass wir als LehrerInnen eine gewisse pädagogische Freiheit in der Wahl unserer Unterrichtsmethoden haben, so sollten die Eltern vor allem begreifen, dass sie es keinesfalls mit einem experimentierwütigen Lehrer zu tun haben, der die „armen Kinder“ als Versuchskaninchen für pädagogisch-didaktische Experimente missbraucht und gar den Schulabschluss gefährden könnte oder gar mit einem Lehrer, der keine Lust hat, zu „unterrichten“. Vielmehr muss ganz deutlich vor Augen geführt werden, wie viel an Mehrarbeit der Einsatz neuer Methoden für den Lehrer bedeutet, dem nur das Wohl seiner SchülerInnen am Herzen liegt, weshalb er es auch nicht scheut, sich um die Ausarbeitung passender Lernszenarien  zu bemühen, die notwendigen Apparate zu besorgen und im Anschluss an jede Stunde die erarbeiteten Ergebnisse zu evaluieren und ggf. zu korrigieren. Ein Aufwand, der keinesfalls mit dem eines traditionellen Frontalunterrichts mit Lehrbuch zu vergleichen ist.

Schließlich sollte nicht vergessen werden, dass die „Cl@sse Connectée“ auch in Verbindung mit eben jenen „alten“ Lehrmethoden stehen sollte, die die Meisten mit der Idee „Schule“ nach wie vor verbinden.

Für mich persönlich war diese wieder einmal von Mélanie Auriel gewissenhaft vorbereitete und kompetent abgehaltene Veranstaltung sehr interessant, sie hat mir jedoch auch sofort wieder einmal die Grenzen vor Augen geführt, die mir im deutschen Schulsystem (momentan) gesetzt sind. In einem von chronischen Geldmangel geprägten und recht konservativen Umfeld, in dem schon Ideen wie mLearning und der Einsatz von (schülereigenen) MP3-Playern im Unterricht von allen Seiten missbilligt werden, wage ich zu bezweifeln, dass die Idee der „Cl@sse Connectée“ in den nächsten zehn Jahren auf Beifall stoßen würde. Solange das System Schule nicht schleunigst wieder Anschluss an die Realität findet, wage ich nicht einmal daran zu denken, diese Idee laut auszusprechen – auch wenn ich nach wie vor die Hoffnung noch nicht ganz aufgegeben habe, dass die Verantwortlichen in nicht allzu ferner Zukunft erkennen, dass es so nicht weitergehen kann und (gute) sich an der Realität orientierende Reformen schon längst überfällig sind und alle Beteiligten schnell umdenken müssen.

Die Aufzeichnung zur Fortbildung finden Sie hier. Die begleitende Präsentation kann hier heruntergeladen werden.