Vor einigen Wochen schickte mir mein verehrter Kollege Jürgen Wagner aus Saarbrücken einige DVDs mit der Bitte, sie mir doch einmal anzusehen. Ich kann nur vermuten, dass meine offenkundige Abneigung gegenüber der von Jürgen sehr geschätzten Moodle-Plattform mit zu dieser Bitte beitrug und er mir vielleicht damit zeigen wollte, dass Moodle unter bestimmten Voraussetzungen durchaus nützlich sein kann. Zur selben  Zeit informierte er mich darüber, dass am 1. und 2. Juni in Orléans das Forum des enseignants innovants et de l’innovation éducative stattfinden würde, wo er und sein Kollege Etienne Kneipp dieses binationale Moodle-Projekt eingereicht hatten. Seinen Vorschlag, ebenfalls ein Projekt für Orléans einzureichen, erschien mir zwar sehr verlockend – zumal der Termin in die Pfingstferien fiel – doch entschied ich mich dagegen, da ich nach einem sehr gelungenen Austausch mit unserer Partnerschule in Paris und dem Abitur sowie diverser anderer Verpflichtungen dringend Erholungsbedarf hatte und mir der bevorstehende Vortrag bei CyberLangues 2012 in Aix-en-Provence als „Einstieg ins Geschäft“ bereits als genügend große Herausforderung erschien. Dennoch nehme ich das Forum des enseignants innovants et de l’innovation éducative, welches morgen und übermorgen in Orléans – wie zu erwarten mit Jürgen Wagners und Etienne Kneipps Projekt – stattfinden wird, zum Anlass, um über das deutsch-französische Projekt zu berichten.

Ausgehend von einem Videoprojekt einer binationalen Arbeitsgruppe bauten Jürgen Wagner (LPM Saarbrücken) und Etienne Kneipp (Mission TICE Nancy/Metz) einen Moodle-Kurs auf und reicherten diesen mit interaktiven Übungen an. Beim Videoprojekt „Mein Weg zum Beruf / Sur la voie de l’emploi“ handelte es sich primär um eine DVD mit Videos die das Sprachenlernen im beruflichen Schulbereich im Präsenzunterricht fördern sollte. Die von SchülerInnen von beiden Seiten des Rheins gedrehten Videos zu Schlüsselsituationen ihres späteren Berufslebens wurden anschließend didaktisiert, um die Kommunikationsfähigkeit (primär Hören und Sprechen) zu schulen. Ziel war es, ausgehend vom Hörverstehen den Wortschatz und damit die mündliche Ausdrucksfähigkeit zu fördern, aber auch die schriftliche Ausdrucksfähigkeit sollte nicht zu kurz kommt. Neben der sprachlichen Kompetenz (Niveau A2-B1/B2 des europäischen Referenzrahmens) wird jedoch, wie dies für eine umfassende berufsvorbereitende Ausbildung selbstverständlich sein sollte, durch die Verwendung von konkreten Beispielen aus dem binationalen französisch-deutschen Arbeitsalltag  auch die interkulturelle Kompetenz, ohne die eine erfolgreiche Kooperation über die Ländergrenzen hinweg unmöglich wäre, „ganz nebenbei“ ebenfalls gefördert. Fühlen wir uns auch zuweilen dem Anderen so nah wie keinem anderen Partner oder sogar Freund, so gibt es dennoch minimale, jedoch nicht zu verleugnende und zugleich sehr bedeutende kulturelle Unterschiede, die ein fester Bestandteil der beruflichen Ausbildung der nächsten Generation sein müssen.

In einem zweiten Schritt wurde das Projekt dann von Jürgen Wagner und Etienne Kneipp in eine Moodle-Plattform integriert und mit interaktiven Übungen angereichert, sodass nun die Videos zu beruflich orientierten Themen wie „Restaurant“, „Büro“ und „Verkauf“  kostenlos, orts- und zeitunabhängig für die Zielgruppe in beiden Ländern zur Verfügung stünde. Bei den Übungen handelt es sich um mit dem Übungsgenerator TexToys erstellte Aufgaben zur Textrekonstruktion, um mit Quizlet kreierte Karteikarten zur Wortschatzarbeit und um mit UsinaQuiz hergestellte Lückentexte. Diese Integration von visuellen Impulsen und diversen Übungen auf einer Lernplattform allein zeigt bereits ganz deutlich, worin der Mehrwert von Moodle liegen kann, jedoch ist damit sein Potenzial noch nicht ausgeschöpft: Neben der Lernerautonomie bietet die Moodle-Lernumgebung auch die Möglichkeit der Kommunikation mit dem Lehrenden, der im Hintergrund als Administrator durchaus die Fäden in der Hand hält. Diese Kommunikation kann u.a. mit Hilfe von Audio-Feedback mittels des Dienstes „Vocaroo“ erfolgen. Des Weiteren können die SchülerInnen selbst weitere Übungen erstellen und somit selbst zum Akteur werden. Schließlich wurde auch noch ein für die Zielgruppe hilfreiches Glossar des OFAJ / DFJW mit in die Moodle-Plattform integriert. Mit anderen Worten: der Fächer an Möglichkeiten ist immens und sicherlich noch lange nicht ausgeschöpft, da die Arbeitsumgebung Modifizierungen jederzeit erlaubt.

Besonders lobenswert finde ich neben der Integration der neuen Medien, dem interaktiven Charakter und der großartigen Binnendifferenzierungsmöglichkeit bei diesem Moodle-Kurs die Konzentration auf das Hörverstehen und die mündliche Ausdrucksfähigkeit, auch wenn natürlich die schriftliche Ausdrucksfähigkeit keineswegs – besonders im beruflichen Bereich – zu vernachlässigen ist. In Baden-Württemberg fand 2004 mit den neuen Bildungsplänen ein Paradigmenwechsel statt und seither wird die Kommunikationsfähigkeit im Fremdsprachenunterricht groß geschrieben. Wie wir dies jedoch in Klassen von zuweilen mehr als 30 (!!!) SchülerInnen erreichen sollen bleibt allen beteiligten LehrerInnen bisher ein Rätsel. Zumal wir in der Realität aus diversen, sicherlich auch systemimmanenten und gesellschaftlichen Gründen nicht unbedingt von ausschließlich motivierten SchülerInnen, besonders im Hinblick auf die französische Sprache, sprechen. Seit zudem noch Pläne angekündigt wurden, das Abitur zu verändern und eine sogenannte „Kommunikationsprüfung“ in den Fremdsprachen durchzuführen – deren Einführung jedoch bereits mehrfach verschoben wurde und momentan für den Abiturjahrgang 2014 vorgesehen ist – fühle ich persönlich mich mehr als nur überfordert, wenn ich daran denke, dass ich nicht nur mit den bisherigen Schwierigkeiten (sinkendes Niveau in der Schule und teilweise auch der Lehrerausbildung an der Uni, die Notwendigkeit zur Binnendifferenzierung im 45-Minutentakt, sinkende Motivation der SchülerInnen, zunehmende Disziplinprobleme, tendenziell eher als negativ einzuschätzende gesellschaftliche und bildungspolitische Veränderungen) zu kämpfen haben werde, sondern von mir auch noch erwartet wird, dass meine SchülerInnen sich am Ende der 12. Klasse (dank G8 fehlt uns ja zusätzlich noch das ursprünglich 11. Schuljahr, welches in den Fremdsprachen die Möglichkeit bot, vorbereitend auf die Kursstufe Wiederholungen einzuplanen) schriftlich und mündlich in der Kategorie B1/B2 des europäischen Referenzrahmens wiederfinden. Dies gilt sowohl in Englisch als auch Französisch, wobei Letzteres meist ein oder zwei Jahre später begonnen wird – die Tatsache, dass Englisch auch schon in der Grundschule „gelernt“ wird, kann man hier aufgrund der Qualität dieses Englisch“unterrichts“ als ausgleichende Gerechtigkeit ansehen. In diesen Momenten der „relativen Hilflosigkeit“ auch als sehr motivierte und – ohne anmaßend wirken zu wollen – kompetente Lehrerin, würde ich mir wünschen, Hilfsmittel wie den Moodle-Kurs „Sur la voie de l’emploi / Mein Weg zum Beruf“ für das allgemeinbildende Gymnasium zur Verfügung zu haben.

Insgesamt halte ich das Projekt und den gleichnamigen Moodlekurs „Sur la voie de l’emploi / Mein Weg zum Beruf“ für ein hervorragendes Beispiel dafür, wie kluge und äußerst engagierte Köpfe aus dem Bildungsbereich einen wirklich lobenswerten Beitrag dazu leisten, dass es mit der Bildung wieder bergauf geht. Es ist ein Segen, dass sich Jürgen Wagner und Etienne Kneipp (der Jürgen kurzlich in einem von Christophe Jaeglin fürs Café Pédagogique durchgeführten Interview als eine Art „geistigen Zwilling“, „un frère jumeau par sa passion équivalente voire supérieure“, bezeichnete) vor einigen Jahren kennen gelernt haben und den Moodle-Kurs als Weiterentwicklung des Videoprojekts auf die Beine gestellt haben. Ich kann dieses Engagement, welches sicherlich mit sehr viel Arbeit verbunden war, wirklich nur bewundern und würde mir wünschen, dass das laut besagtem Interview ebenfalls bereits durchgeführte Projekt „La parole aux jeunes / Junge Leute reden Klartext“ ebenfalls seinen Weg auf die Moodle-Plattform findet. Ich glaube fest daran, dass die jungen Leute, die hier und dort von diesem Projekt bisher profitieren konnten, einen großen Nutzen daraus ziehen konnten und sicherlich ihre Schullaufbahn mit nicht zu vernachlässigenden sprachlichen und interkulturellen Kompetenzen, jedoch auch mit einer großen Portion an Motivation, die erlernten Fähigkeiten im anderen Land einzusetzen, beendet haben.

Dieses äußerst gelungene Moodle-Projekt hat mich im Übrigen dazu veranlasst, meine Meinung zu „Moodle“ (teilweise) zu revidieren. Nachdem ich mir die Moodle-Plattform und die DVDs angeschaut habe, muss ich eingestehen, dass bei einem derart gut geplanten und durchgeführten Projekt und einer solch guten Kooperation der Beteiligten der Mehrwert von Moodle nicht zu verleugnen ist. Ich kannte Moodle aus meinem Arbeitsalltag nur als eine Art „PDF-Schleuder“, die zudem ziemlich unattraktiv aussieht, von einigen Kollegen so mit Materialien und Tools überladen wird, dass die SchülerInnen sich nicht im Kurs zurechtfinden und die ich meiner selbst gestalteten Homepage  für meine SchülerInnen (die mir im Grunde mindestens dieselben Möglichkeiten bietet und über die ich zudem die volle Kontrolle habe) niemals vorziehen würde. Wenn man jedoch von anderen Grundvoraussetzungen ausgeht – z.B. einem klar definierten Projekt, einem guten und hochmotivierten Team, welches gemeinsam in dieselbe Richtung blickt, etc. – dann kann ich durchaus nachvollziehen, wieso man auf Moodle zurückgreifen sollte.

Von mir als Gymnasiallehrerin ausgehend würde ich jedoch sagen, dass diese Grundvoraussetzungen (leider) innerhalb einer relativ großen Schule, die Teil eines noch größeren und nicht wirklich optimal durchorganisierten Systems ist, welches sich mit der Anwendung der neuen Medien zwar theoretisch, jedoch leider noch nicht praktisch auseinandergesetzt hat und sich dieser Herausforderung auch nur sehr zögerlich, gar widerwillig, zu stellen scheint, so gut wie unmöglich zu erreichen sind.

Solange es nicht einzelne Fachschaften sowie die gesamte Lehrerschaft einer Schule schaffen, gemeinsam an einem Strang zu ziehen und eine gut strukturierte, klassen- und fächerübergreifende und für die SchülerInnen aus diesen und anderen Gründen (Stichwort: Ästhetik) attraktive virtuelle Lernplattform mit einem echten Mehrwert zu konzipieren, vielleicht sogar eine Art „besseres Facebook für die Schule“, wird Moodle vermutlich im Schulalltag ein Schattendasein als (hässliche) „PDF-Schleuder“ fristen und seine großen Potenziale werden unausgeschöpft bleiben. Und dies ganz abgesehen von der Tatsache, dass wir (fast) alle bereits an unsere Grenzen stoßen und – nicht zuletzt aufgrund unserer Pflicht zur Gesunderhaltung – nicht auch noch unsere äußerst knapp bemessene Freizeit in den Aufbau einer guten Lernplattform investieren können, selbst wenn wir einer Meinung wären, wie diese auszusehen hätte. Solange die Politik nicht bereit ist, Geld sinnvoll in die richtigen Projekte, wie die Schaffung einer im Prinzip ausgereiften, verbindlichen und dennoch flexiblen Lernplattform, zu investieren anstatt uns mit unüberlegten, am Schreibtisch konzipierten und damit praxisfernen Reformen und den Reformen dieser Reformen zu überschütten, wird sich an der momentanen Lage meines Erachtens nicht viel ändern und es werden nach wie vor lediglich die wenigen engagierten KollegInnen wie Jürgen Wagner und Etienne Kneipp die in Moodle steckenden Möglichkeiten im Sinne einer grenzüberschreitenden und zukunftsorientierten Bildung für Europa zu nutzen und zu schätzen wissen und ihren SchülerInnen die Früchte ihrer Arbeit zuteil werden lassen.

Abschließend noch eine tolle aktuelle SlideShare Präsentation zum Thema:

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Wer sich noch über weitere französisch-deutsche Projekte informieren möchte, dem empfehle ich die Präsentation von Etienne Kneipp bei CyberLangues 2011 in Marly-le-Roi, die mir erst bei meinen Recherchen zu diesem Blogeintrag wieder in die Hände fiel. Darin werden (auf Französisch) mehrere Projekte erörtert, die mit authentischen Videos ein Mindestmaß an Binnendifferenzierung ermöglichen.