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Beim letzten Live-Event des Open Course 2012 ging es um Tablet Computing, welches so wie auch die Mobile Apps vom vorherigen Termin zum Bereich des m-Learning gehört. Da ich aufgrund eines Schüleraustauschs nicht am Live-Event teilnehmen konnte, habe ich mir die Aufzeichnung angeschaut und muss sagen, dass das Nachhören seine Vorteile hat, da man sich auf das Gesagte konzentrieren und erst im Anschluss das Chatprotokoll der in Spitzenzeiten bis zu 180 Teilnehmer nachlesen kann, womit der Konzentration durchaus gedient ist und nichts überhört oder überlesen werden kann.

Obwohl ich eigentlich nur eine kurze Zusammenfassung des Online-Events schreiben wollte, so ist mir beim erneuten Durchlesen des Beitrags klar geworden, dass die Auseinandersetzung mit der Frage, ob Tablet Computing die Zukunft der Schule sein könnte, sehr kritische Gedankengängen  und eine recht philosophische Reflexion in Bezug auf meine Position als Lehrerin in einem mehr als unzulänglichen Bildungssystem heraufbeschworen hat. Ich habe mich bewusst dagegen entschieden, diese sich durchaus teilweise desillusioniert klingenden Bemerkungen wieder zu streichen, da für mich eine Fortbildung weit mehr ist als mit Informationen gefüttert zu werden. Vielmehr geben mir Fortbildungen und die Dinge, die ich dort lerne, aber auch die Interaktion mit anderen TeilnehmerInnen oft den Anreiz, mich selbst und meine Position kritisch zu betrachten und bilden mich somit durch die Beschäftigung mit der Materie auch persönlich durchaus weiter. Lange Rede, kurzer Sinn: So desillusioniert und leicht wütend meine Äußerungen auch klingen mögen, ich liebe meinen Job und habe noch nicht die Hoffnung verloren, etwas zu bewirken.

Auch der Live-Event zum Tablet Computing wurde von Joachim Wedekind moderiert, Referenten waren Beat Döbeli Honegger aus der Schweiz, der zum Thema „Tablets in der Schule“ sprach, sowie René Wegener, der über den Hochschulbereich berichtete. Die Veranstaltung war in zwei Teile aufgesplittet: Zuerst hatten die Referenten Zeit für einen kurzen Vortrag, der hauptsächlich aus Statements bestand, welche dann im zweiten Teil zur Diskussion gestellt wurden.

Joachim Wedekind erinnerte zu Beginn an Alan Kays Aussage im Jahre 1972, dass Kinder jeden Alters einen PC haben sollten. Er verwies dabei zum einen auf eine tragbare Hardware („carry anywhere“), sprach jedoch auch schon damals, vor nunmehr 40 Jahren, von der Vernetzung, die wir heute erleben („bring the libraries and schools of the world to the home“).

Wedekind berichtete im Anschluss daran kurz über seine eigene Idee der Initiative ETapPe, welche er im März 2011 beim Kongress Keine Bildung ohne Medien in Berlin vorstellte. Er möchte jedes Kind bereits in der Grundschule mit einem digitalen Medium ausstatten. Diese Geräte sollen laut dem Motto „BYOD“ („Bring your own device“) in die Schule mitgebracht werden, wodurch flächendeckend identische (oder vielmehr ähnliche aber individuell angepasste) Geräte zur Verfügung stünden, die über das Internet vernetzt sind und im Idealfall mit freier Software bzw. Open Source Software arbeiten.

René Wegener berichtete nachfolgend über das Pilotprojekt „Mobiles Lernen“ der Uni Kassel. Für das Projekt des Fachbereichs Wirtschaftsinformatik wurden 230 iPads zur Ausleihe angeschafft, es wurde erforscht, wie das W-Lan-Netz ausgebaut werden muss, um die Geräte effektiv nutzen zu können und didaktische Fragen wurden ebenfalls beleuchtet. Mittlerweile wurden zusätzlich noch 80 Android-Tablets angeschafft.

Die Vision des Pilotprojekts „Mobiles Lernen“ ist es, Interaktion in Massenveranstaltungen zu ermöglichen (z.B. indem die Teilnehmer durch Umfragen und Übungen aktiviert werden, jedoch auch die Möglichkeit haben, Fragen zu stellen), den Studierenden zu ermöglichen, überall mit Hilfe eines Video-Livestreams in Echtzeit an Vorlesungen teilzunehmen und Materialien zur Vor- und Nachbereitung einer Vorlesung in Form von eLearning-Modulen aus einer Art App-Store immer und überall zugänglich zu machen.

Schepplers Fazit war, dass sich der besonders zu Anfang zu meisternde zeitliche Aufwand eindeutig gelohnt habe, dass die Akzeptanz und das Interesse auf Studierenden- und Dozentenseite ganz gut sei, dass jedoch noch viel Arbeit anstünde, um das Pilotprojekt in den Alltag zu integrieren. In der Abschlussdiskussion wies er noch darauf hin, dass für ihn die technischen Fragen zweitrangig seien, da man sich mit ihnen erst dann befassen müsse, wenn man herausgefunden habe, ob es sich überhaupt lohnt, in die Richtung des Tablet Computing zu gehen.

Ich persönlich finde diese Projekt sehr interessant und sicher im Hochschulbereich ausbaufähig, wo die Studierenden ein großes Interesse und (meist) eine gesteigerte Selbständigkeit an den Tag legen und somit verantwortungsvoll mit den ihnen gebotenen Möglichkeiten umgehen werden – sofern sie Grundkompetenzen im Umgang mit mobilen Endgeräten bereits in der Schule erlernt haben.

Schließlich hatte Beat Döbeli Honegger Gelegenheit einige Thesen zum sehr provokant formulierten Thema „Tablets sind ein Hype“ zu präsentieren. Er leitete seinen Vortrag mit den Worten ein, dass er sehr bewusst diesen provokanten Titel gewählt habe, da seiner Meinung nach die Bedeutung von Tablets im Schulbereich momentan stark überbewertet würde, so auch im Horizon Report 2012. Erklärend fügte er hinzu, dass im Prinzip alle Anwendungsbeispiele sich auch auf anderen Endgeräten umsetzen ließen und es für den Lernertrag absolut egal sei, ob ein Display nun hochauflösend sei oder nicht. Auch sei diese Eigenschaft nicht tabletspezifisch.

Die erste These, die genannt wurde, war, dass Tablets eigentlich nur im Kindergarten etwas Neues darstellten und als Revolution angesehen werden könnten. Ich kann nur vermuten, dass er dabei besonders an die Ausbildung von Fähigkeiten dachte, die durch die frühe Verwendung von Tablets im Kindergartenalter erworben werden und so später in der Schule vorausgesetzt werden können, was den späteren produktiven Umgang mit Tablets vorbereitet. Mit anderen Worten, diese frühe Heranführung an Tablets könnte die heute vielzitierte jedoch de facto (noch) kaum existierende Generation der „digital natives“ hervorbringen.

Die zweite These war die Ansicht, dass sich unpersönliche Tablets, also Geräte, die sich im Klassenraum befinden und von allen SchülerInnen genutzt werden können, nicht für die Anwendung in der Schule eignen, sondern eher ein Rückschritt im Zeitalter des PLE  (personal learning environment, persönliche Lernumgebung) darstellen. Den gleichen oder einer übergeordneten Nutzen hätten hier z.B. Net- oder Notebooks.

Die dritte Behauptung war, dass Tablets einfach „hip“ sind, dass jedoch langfristig wohl eher Modelle wie „1:1“ (jeder Schüler hat sein eigenes Gerät) oder „BYOD“ (Bring your own device, Bring Dein eigenes Gerät mit) relevant seien. Döbeli Honegger hegt keinerlei Zweifel daran, dass in nicht allzu ferner Zukunft Geräte allgemein verfügbar sein werden, dass man sich jedoch nicht auf eine Art von Gerät beschränken, sondern lieber auf „BYOD“ setzen sollte, da es im Endeffekt zwischen den einzelnen Geräten – seien es nun Tablets, Ultrabooks oder Smartphones – immer weniger Unterschiede gäbe und ihre Verwendung lediglich von persönlichen Vorlieben abhänge.

Zudem wurde als vierte These geäußert, dass Tablets ab einer gewissen Schulstufe – auf die sich der Referent jedoch nicht festlegen wollte oder konnte – nicht mehr ausreichen, u.a. da sie zwar leistungsfähig sind, jedoch beispielsweise Multitasking (= das Nebeneinanderstellen von mehreren Fenstern) momentan noch nicht möglich, dies jedoch zum effektiven Arbeiten in den höheren Klassen unentbehrlich sei.

Abschließend wurde die Behauptung in den Raum gestellt, dass Tablets keinerlei wirkliche Innovation gebracht haben und dass im Prinzip alles, was man mit einem Tablet machen könne – und noch viel mehr – mit anderen Geräten wie Notebooks und Ultrabooks ebenso möglich sei und man Tablets eher als Zweitgeräte ansehen sollte, da sie im Alltag keinen richtigen Computer ersetzen können.

Ich stimme diesbezüglich mit Herrn Döbeli Honegger absolut überein, denn es ist eine Sache, die neuen Trends auf dem Elektronikmarkt mit Begeisterung wahrzunehmen und sich vorzustellen, wie sie im Schulbereich genutzt werden und wie sie zu einer Revolution der Schule allgemein führen könnten. Schülern Tablets zur Verfügung zu stellen allein reicht jedoch noch lange nicht für eine Revolution. Wenn ich mir meinen Arbeitsalltag anschaue, wo SchülerInnen der Mittel- und Oberstufe noch nicht einmal richtig mit einem PC umgehen können – allein das Rechtschreibprogramm von Texteditoren scheint eine zu große Hürde für manche SchülerInnen, zumindest wenn ich manche Aufsätze anschaue, die mir abgegeben werden – und auch das Web 2.0 eher zu Unterhaltungszwecken (z.B. Spiele) nutzen, zuweilen ohne sich jegliche Sorgen im Schutz auf ihre Privatsphäre zu machen (Stichpunkt: Facebookprofile richtig schützen) – so hege ich große Zweifel daran, dass sie durch Tablets mehr oder besser lernen würden. Und genau um diesen Mehrwert der Verwendung eines bestimmten Mediums geht es ja.

Für die SchülerInnen sind Tablets tatsächlich „hip“ und als ich die ersten Wochen mit meinem Tablet im Unterricht auftauchte, so gab es alle möglichen Reaktionen, angefangen mit „Cool, kann man damit auch spielen?“ bis hin zu „Elektronische Geräte sind laut der Hausordnung verboten“. Dass es sich dabei jedoch – wie im Übrigen seit drei Jahren mein Smartphone – um ein Arbeitswerkzeug handelt, welches mit erspart Wörterbücher mitzuschleppen, Dinge zu Hause nachzuschlagen und bei Fragen nach dem momentanen Leistungsstand darum zu bitten, dass mir eine Email geschickt wird, haben die meisten erst nach vielen Monaten oder bisher gar nicht begriffen. Inzwischen ist es jedoch für die meisten SchülerInnen relativ normal geworden, dass ich die Abwesenheit meiner SchülerInnen über AndroClass festhalte, sie an noch fehlende Entschuldigungen erst nach einem Blick aufs Gerät erinnere und dass ich hier und da mein Tablet einfach auf einen Schülertisch lege, damit selbst kurz ein Wort oder ein Sachverhalt recherchiert werden kann. Ebenso habe ich meinen OberstufenschülerInnen bereits mehrfach erlaubt, anstatt den unzuverlässigen Schulcomputer mein Tablet als Alternative zum eigenen Smartphone zum Twittern (in Projektphasen mit Twitter)  und als Wörterbuch zu verwendenMeinen Ruf als „Geek“ habe ich dennoch bei den SchülerInnen inzwischen so gut wie sicher, auch wenn ich versuche, den Nutzen der technischen „Spielzeuge“ in den Vordergrund zu rücken. 

Lange Rede, kurzer Sinn: Bis elektronische Geräte ihren Einzug im Klassenzimmer unter dem Gesichtspunkt des effektiveren Lernens halten können, muss noch viel passieren, sowohl auf Schülerseite (z.B. Erwartungen an die Lehrer, Einstellung zu Schule und Lernen, Aufhebung der strikten Trennung von Lernen in der Schule und außerhalb und damit die Erkenntnis, dass der Computer nicht nur ins spaßerfüllte Privatleben gehört) als auch auf Lehrerseite (z.B. Bereitschaft, umzudenken und gemeinsam (hart) an einem Paradigmenwechsel zu arbeiten, welcher weder drastisch sein muss noch von Heute auf Morgen bewerkstelligbar ist) und im System „Schule“ allgemein, welches nicht nur Geld zur Ausbildung von neuen Strukturen und Methoden benötigt, sondern auch eine Neudefinition dessen, was Schule überhaupt leisten soll, und zwar eine konkretere Definition als sie in den Bildungsplänen zu finden ist. Schließlich darf auch die qualitative Komponente in der Lehrerfortbildung nicht zu kurz kommen, denn Geld allein macht bekanntlich nicht glücklich: die Tatsache, dass gestern die Kultusministerin von BW, Gabriele Warminski-Leitheußer, verkündete, dass die Mittel für die Lehrerfortbildung um 1,5 Millionen Euro aufgestockt werden sollen, sagt noch lange nichts über deren Qualität aus.

Der Einsatz von neuen Medien an sich macht den Unterricht nicht besser, da Apps altbekannte Lerninhalte, also reines Wissen, lediglich in einer anderen Form präsentieren. Wenn die Nutzung eines Tablets (oder eines andere digitalen Endgeräts) einen Mehrwert haben soll, z.B. die Förderung der Handlungs- und Medienkompetenz, so muss die Didaktik ans Werk, welche einzig und allein in den Händen des Lehrers liegt. Aufgrund der schnellen Entwicklungen in Punkto Technik ist es jedoch oftmals schwierig, nachhaltig zu agieren. Oftmals gehen Szenarien über den experimentellen Charakter nicht hinaus, da nach dem Abschluss einer Studie sich bereits neue Entwicklungen abzeichnen, denen man denkt, folgen zu müssen.

Der Vorteil des Einsatzes von Tablets liegt somit sicherlich nicht in der neuen Gestaltung alter Unterrichtsinhalte allein: Vielmehr stehen hier mehr Materialien (z.B. multimediale Komponenten, wie dies u.a. in den digitalen Schulbüchern des Klett-Verlags bald der Fall sein soll, wo z.B. Videos und Audiodateien in die Fremdsprachenbücher integriert sein sollen) und mehr Methoden zur Verfügung. Ein Mehr ist jedoch auch zuweilen gefährlich, da es leicht zur Sinnesüberreizung kommen kann, womit wieder einmal die didaktischen Fähigkeiten des Lehrers gefragt sind, diese Reize zu kanalisieren um zu einem echten Lernprozess zu gelangen. Dies gilt umso mehr, da die heutigen SchülerInnen oftmals bereits durch einen reizüberfluteten Alltag „abgestumpft“ gegenüber bestimmten Impulsen sind, welche somit vom Lehrer, der die SchülerInnen zum Lernen animieren möchte, auch klassen- oder schülerspezifisch zugunsten anderer Impulse unter Umständen kompetent beiseite geschoben werden müssen.

Ein weitere Vorteil des Tablets, welches dieses letztendlich positiv von z.B. einem Ultrabook unterscheidet,  ist die Tatsache, dass es energiesparend und leise (sowohl im Bezug auf den Lüfter als auch auf die lautlose Tastatur), sowie schnell hochfahrbar ist, wenn es benötigt wird. Außerdem entsteht durch ein Tablet keine Distanz zwischen Lernern untereinander und Lernern und Lehrern, wie dies durch einen hochgeklappten Bildschirm geschieht. Eine gewisse Abhängigkeit von z.B. Stromquellen und der Batterielaufzeit ist jedoch unvermeidbar, d.h. wenn die SchülerInnen nicht daran denken, ihr Tablet jeden Abend aufzuladen (so wie sie auch mitunter nicht daran denken, alle Schulbücher für den nächsten Tag einzupacken), dann stoßen wir wieder an Grenzen, die außerhalb unseres Einflusses liegen.

Je nachdem wie stark elektronische Geräte in den Alltag unserer SchülerInnen integriert sind, d.h. als normales Werkzeug und nicht als Spielzeug gesehen werden, kann ich mir jedoch gut vorstellen, dass die Motivation bei der richtigen didaktischen Lenkung in Verbindung mit multimedial angereicherten Lerninhalten sicherlich enorm gesteigert werden kann – sofern man einen Weg findet, die SchülerInnen wieder dahingehend zu „erziehen“, bestimmte Reize wahrzunehmen und darauf zu reagieren. Dies kann jedoch nicht die Aufgabe der Schule oder der Lehrer allein sein, sondern  es ist in einen größeren gesellschaftlichen Kontext einzuordnen.

Diese Vorteile dürfen jedoch nicht dazu verleiten, Grundfertigkeiten wie das Schreiben von Hand in Vergessenheit geraten zu lassen, da die Handschrift in gewisser Weise zur Persönlichkeit eines Menschen gehört und regelmäßig angewendet werden sollte. Dasselbe gilt für weitere menschliche Grundfähigkeiten, die den Umgang miteinander erleichtern und den Aufbau und Erhalt von persönlichen Beziehungen erst ermöglichen.

Allgemein denke ich, dass gut 50% der heutigen Lehrerschaft durchaus dazu bereit wäre, dazuzulernen und sich auf neue Lernmethoden mit elektronischen Medien einzulassen, wenn die Rahmenbedingungen stimmten. Gäbe es landesweit schulinterne oder auch schulübergreifende Managementsysteme und Lernplattformen, mit denen man „nur“ lernen müßte, umzugehen, wenn qualitativ hochwertige Materialien und Geräte inklusive der notwendigen Infrastruktur die Norm wären, man gewisse Orientierungshilfen in ihrer An- und Verwendung hätte  und wenn der gesellschaftliche Wert von Schule und Bildung ein anderer wäre, so könnte ich mir gut vorstellen, dass die „Schule von Morgen“ ein wunderbarer Ort des „miteinander Lernens“ sein könnte, ein Ort, den die SchülerInnen nicht komplett von ihrem außerschulischen Leben trennen und ein Ort, an dem die LehrerInnen ihren ganzen Idealismus einbringen und ausleben könnten. Solange wir jedoch mit schlechter Ausstattung, dem Gefühl, im Hinblick auf die neuen Medien allein in weiter Flur zu stehen und mit einem nicht zu vernachlässigenden Teil an SchülerInnen konfrontiert sind, die Schule als lästige Pflicht ansehen, ist es Irrsinn zu glauben, dass LehrerInnen ihre Freizeit noch weiter einschränken, um sich neben der allwöchentlichen Arbeitslast auch noch mit der Lösung der Frage zu beschäftigen, wie ein System, das dringend Veränderung braucht, aussehen soll und aktiv dafür zu kämpfen.

Sicherlich kann man den momentanen Zustand des Bildungssystems nicht allein auf die Gesellschaft abwälzen, auch wir LehrerInnen tragen zweifellos teilweise dazu bei, dass unsere SchülerInnen manchmal bei weitem weniger motiviert sind, als sie dies sein könnten, jedoch müssen wir in einer Zeit, in der beruflichen Überbelastung und Burnout aufgrund der Tatsache, dass sie immer mehr Opfer fordern, gesellschaftsfähige Themen geworden sind, auch an unsere Gesundheit denken. Ich persönlich hätte keinerlei Probleme, mich in meiner Freizeit – wäre sie denn nun großzügiger bemessen und könnte ich dennoch meiner Pflicht auf die Erhaltung meiner Gesundheit nachkommen – aktiv daran zu beteiligen, auf die Vision, die ich einmal von Schule hatte, hinzuarbeiten. Doch bei 25 Wochenstunden in teilweise sehr undisziplinierten Klassen, einer damit verbundenen Arbeitslast für Vor- und Nachbereitung und Korrekturen von bis zu 35 weiteren Stunden, institutionell eher ungünstigen Rahmenbedingungen und dem Wunsch, mich zumindest etwas fortzubilden (ca. 3 Stunden pro Woche), sehe ich mich außer Stande, noch mehr Zeit für die Schule zu opfern, vor allem wenn man bedenkt, dass dieses Opfer von einem Großteil der davon profitierenden Personen nicht einmal wahrgenommen wird.

Dies ist mit ein Grund, weshalb ich zwar selbst mein Tablet, mein Ultrabook, und mein Smartphone als Zweitgeräte zu meinem PC – auch hier schließe ich mich dem allgemeinen Tenor der Experten absolut an: es sollte sich nicht um ein entweder-oder von Tablet und anderen Geräten handeln, sondern um eine sinnvolle Kombination verschiedener Endgeräte zu verschiedenen Zwecken – und zu 80% als Werkzeuge betrachte mit Hilfe derer ich dank verschiedener „cloud services“ (z.B. Dropbox und Evernote) von überall auf für mich wichtige mobile Daten zugreifen kann, weshalb ich aber jeglichen Idealismus, meine Kollegen von meiner Einstellung zu überzeugen, über Bord geworfen habe und hinnehme, dass meine Art zu arbeiten teils mit Verwunderung, teils mit Skepsis bis hin zu Unverständnis betrachtet wird. Dies macht mich zwar zu einer der Einzelkämpferinnen, die es mit unwahrscheinlich machen, dass wir in den nächsten 20 Jahren die Schule zu einem Ort machen, an dem effektiv und mit Spaß gelernt wird, jedoch dient es niemandem, wenn ich die Energie, die ich in meine Projekte mit den neuen Medien im Fremdsprachenunterricht stecke, stattdessen in einen aussichtslosen Kampf investiere, um Kollegen von meinen Ansichten zu überzeugen oder über große Distanzen hinweg mit Gleichgesinnten an Projekten zu arbeiten, die – hätten sie landesweit genügend Unterstützung – sicherlich zukunftsträchtig wären.

Man darf mir gerne unterstellen, dass ich den Weg des geringsten Widerstands gehe oder desillusioniert wirke, doch ich denke zuweilen, dass ich als Edubloggerin leise vor mich hinschreibend und als Lehrerin, die neben der Vermittlung von notwendigen Grundlagen und Arbeitstechniken (denn nichts ist schlimmer als SchülerInnen, die nicht wissen, wie man die Rechtschreibung eines Wortes ohne LEO überprüft oder die das kleine 1×1 nicht beherrschen!) ihren SchülerInnen zumindest ansatzweise (wenn auch teilweise gegen ihren Willen) die Möglichkeiten der neuen Medien vorstellt und -lebt im Endeffekt vielleicht mehr erreiche als wenn ich mich für eine Sache engagiere, die so unbezwingbar erscheint, dass auch der größte Idealismus nicht ausreicht, um diesen Berg zu versetzen.

Mein Fazit: Die neuen Medien sind toll, können bei richtiger Anwendung unseren Arbeitsalltag und durch ihren gezielten Einsatz im Unterricht auch den künftigen Arbeitsalltag unserer SchülerInnen immens erleichtern und Arbeitstechniken und Kompetenzen vermitteln, die universell adaptierbar sind. Die Geräte, die wir hierzu benötigen allein sind jedoch nur Mittel zum Zweck und ihre Bedienung muss erlernt werden, d.h. es muss LehrerInnen geben, die den Umgang damit beherrschen und aktiv lehren, denn nur weil man einem Kind ein Tablet in die Hand gibt, wird es noch lange nicht dazu fähig sein, seine Kapazitäten voll auszuschöpfen. Diese Illusion der „digital natives“ sollten wir schnellstens zukunsten der Realität beiseite schieben: Kinder sind und bleiben Wesen, denen man Dinge erklären und zeigen muss, damit sie sich zu (hoffentlich verantwortungsbewussten) vollwertigen Mitgliedern unserer Gesellschaft entwickeln können und diese Ausbildung muss möglichst früh beginnen, wenn die Kinder noch begeisterungs- und aufnahmefähig sind.

Ob dies allerdings mit Tablets oder anderen Geräten geschieht ist meiner Ansicht nach zweitrangig. Wer einmal das Prinzip der Verwendung von digitalen Endgeräten verstanden hat und die Möglichkeit hatte, verschiedene Arten von Geräten kennen zu lernen, der begreift ganz von allein wann die Verwendung von welchem Gerät vorteilhaft oder auch nur individuell angenehmer sein könnte. Tablets sind sicherlich nicht das Allheilmittel gegen den momentan desolaten Zustand des Bildungssystems und die Tatsache, dass sie in Studien wie dem Horizon-Report auftauchen, liegt vermutlich wirklich nur darin begründet, dass sie momentan als Neuheit in aller Munde sind – wie dies vor einigen Jahren bei Second Life der Fall war, welches jedoch (sehr zu meinem Bedauern) trotz seiner Potenziale inzwischen zum belächelten Randphänomen mutiert ist.

Abschließend möglich ich noch einer Äußerung aus dem Chat aufgreifen, die daran erinnerte, dass Rousseau gesagt hat, man solle Kinder Kinder sein lassen und nicht von ihnen erwarten, dass sie sich wie kleine Erwachsene benehmen. Sicherlich war diese Äußerung für Rousseaus Zeit absolut akzeptabel, da die Welt, in der er lebte eine Andere war und die Kinder seinerzeit in ihrem späteren Beruf nicht mit einer Aufgabe vor einen Computer gesetzt wurden, die sie ohne Kenntnisse hinsichtlich der Verwendung dieses Geräts einfach nicht lösen konnten. Damals mussten die Menschen eher handwerklich geschickt sein um zu überleben und die Fähigkeiten dazu konnten sie in ihrer Kindheit sicherlich erwerben, indem sie einfach nur Kinder waren, ihre Motorik und damit Handlungskompetenz entwickelten und auf Bäume kletterten. Das heutige „Handwerk“ erfordert jedoch den Umgang mit einer anderen Art von Werkzeug und die Handlungskompetenz wurde durch die Medienkompetenz ergänzt. Damit sollte klar sein, dass es unabdingbar ist, schon kleine Kindern mit dem Umgang mit den neuen Medien – spielerisch und didaktisch gut aufbereitet – vertraut zu machen, sodass sie ein Tablet oder ein Smartphone gar nicht erst „nur“ als Spielzeug kennenlernen, sondern von klein auf als Werkzeug wahrnehmen. Wenn sie in ihrer Jugend dann den Spielefaktor als angenehmen Nebeneffekt entdecken, so ist diese engänzende Qualität des bekannten Werkzeugs sicherlich weitaus weniger gefährlich als wenn man einem Jugendlichen plötzlich begreiflich machen muss, dass sein geliebtes Spielzeug eigentlich kein Spielzeug ist. Der Weg von der Arbeit zum Spaß ist schließlich weitaus einfacher zu gehen als der vom Spaß zur Arbeit.

Hier noch ein interessanter Artikel aus dem Spiegel zur Frage, ob die zu frühe Beschäftigung mit digitalen Medien Kindern schaden kann.

Die Links zur Aufzeichnung des Live-Events, zum Kursblog, zu den Folien der Referenten und zu weiterem Material finden Sie hier.