Heute bot Prof. Dr. Torben Schmidt, Professor für Didaktik des Englischen am Institute of English Studies an der Leuphana Universität Lüneburg und Experte für den Einsatz des Web 2.0 im Fremdsprachenunterricht, unterstützt von Jürgen Wagner vom LPM Saarbrücken eine äußerst interessante Fortbildung zum Thema „Schülerinszenierungen auf der digitalen Bühne“ an. Er legte den 18 TeilnehmerInnen anhand von konkreten Beispielen äußerst eindrucksvoll dar, welche Einsatzmöglichkeiten denkbar (und realisierbar) sind und fasste kompetent den didaktischen Hintergrund zusammen, der solchen Projekten zugrunde liegen sollte.

Kurz nach der Jahrtausendwende  begann der rasante Aufschwung des von nun an partizipatorischen Web 2.0. Im Jahre 2006 titelte der Spiegel „Du bist das Netz“ und das Time Magazine ernannte alle Internetuser zur Person des Jahres, bevor 2010 dann Facebookgründer Mark Zuckerberg den gleichen Titel erhielt. Youtube, WordPress, Twitter und Facebook sind für eine Vielzahl an Menschen nicht mehr aus ihrem Leben wegzudenken. Zahlen vom Januar 2012 besagen, dass es über 845 Mio. Facebooknutzer gibt und diese Zahl pro Monat um ca. 50 Mio., vornehmlich aus Europa und Asien, anwächst. Auf Youtube werden pro Minute ca. 60 (!!!) Stunden Videomaterial hochgeladen. Schließlich nutzen auch viele Internetuser die zum Fernsehen komplementär angebotenen Inhalte von verschiedensten Sendern (z.B. CNN) und dies zunehmend auch ortsunabhängig auf mobilen Endgeräten. Laut der JIM-Studie 2011  verbringen Teenager (12-19 Jahre) durchschnittlich 134 Minuten pro Tag vor dem Computerbildschirm (gegenüber ca. 115 Minuten TV) und nutzen besonders häufig Communities, Videoportale und Musikangebote. Mit anderen Worten: sie nutzen die Möglichkeit, ihren individuellen Vorlieben nachzugehen, diese zu teilen und mit anderen zu kommunizieren.

Dies alles sollte Beweis genug sein, dass die Bedeutung des Web 2.0 in der heutigen Zeit nicht mehr zu leugnen ist. Da wir jedoch nicht nur in der Gegenwart leben, sondern auch an die Zukunft denken müssen, stellt sich uns als LehrerInnen die Frage, wie wir unsere SchülerInnen zum verantwortungsbewussten und nutzbringenden Umgang mit den neuen Medien erziehen können und sie somit auf die sie erwartenden Anforderungen vorzubereiten, sodass sie das Morgen optimal mitgestalten können.

Youtube ist in vielen Bereichen zum virtuellen Inszenierungsraum geworden: So nutzen Politiker wie Angela Merkel und Barack Obama dieses Medium, um neue Zielgruppen zu erreichen – Obama hat nicht zuletzt so im Wahlkampf viele Wählerstimmen für sich gewinnen können – aber die Bandbreite der aktiven Nutzer reicht von Privatpersonen mit bestimmten Interessen und Talenten bis hin zu Stars, die so den Kontakt zu ihren Fans halten. Videoportale dienen zu Selbstinszenierung ebenso wie zum sozialen Austausch und auch im Hinblick auf die Musikindustrie und die Werbebranche ist ihre Bedeutung nicht zu unterschätzen. Was liegt also näher, als diese Quelle der Authentizität, die Videos in vielen verschiedenen Sprachen zu uns nach Hause und ins Klassenzimmer bringt (zumindest solange die Internetverbindung und die eingerichteten Filter dies erlauben) rezeptiv zur Förderung des Hör- und Sehverstehens, aber auch produktiv zur Förderung der Mündlichkeit einzusetzen?

Auch wenn man heute oftmals davon ausgeht, dass die Jugend nicht mehr liest und dem durch das Internet überall zugänglichen Medienkonsum verfallen ist, sprechen z.B. Fan Fiction-Seiten (z.B. www.harrypotterfanfiction.com) und Videoportale eine ganz andere Sprache. Viele Jugendliche leben ihre Kreativität aus, indem sie – bisher meist in ihrer Freizeit – den partizipatorischen Aspekt des Web 2.0 „(er)leben“ und Fan Fiction schreiben bzw. selbstproduzierte oder mit Originalmaterialien vermischte Audio- und Videoaufnahmen ins Netz stellen.

Seit der kommunikativen Wende in der Fremdsprachendidaktik nehmen Projekte einen immer größeren Stellenwert ein. Projekte haben im Vergleich mit herkömmlichem Unterricht den Vorteil, dass sie den SchülerInnen einen größeren Handlungsspielraum einräumen und so Schlüsselkompetenzen (z.B. Teamfähigkeit, Methoden der Informationsbeschaffung, Präsentier- und Kommunikationskompetenzen) trainieren. Während Prof. Michael Legutke bei seinem „Projekt Airport“ in den frühen 80er-Jahren seine SchülerInnen mit kommunikativen „Ernstfällen“ konfrontierte, indem er sie auf den Flughafen mitnahm

genügt es im Zeitalter des Web 2.0, den Computerraum aufzusuchen und die SchülerInnen in die Weiten des Internets zu „entführen“. Der Mehrwert des Web 2.0 liegt eindeutig im Kontakt zu Muttersprachlern, z.B. im Rahmen einer eTwinning-Klassenpartnerschaft, und in der Integration von aktuellen, authentischen und zugleich schülernahen Materialien in den alltäglichen Unterricht. Werden Projekte realisiert, so können deren Ergebnisse schnell mit Partnerklassen oder auch der gesamten Internetcommunity geteilt werden.

Wichtig ist, dass die SchülerInnen den Mehrwert des Einsatzes des Web 2.0 erkennen, was nur möglich ist, wenn geeignete Themen und Inhalte verwendet und anhand einer adäquaten Aufgabenstellung erarbeitet werden. Nur so können wir uns vom „Lernen“ statischer Fakten entfernen und uns dem Erlernen von Kompetenzen durch Erleben zuwenden. Dies soll nicht heißen, dass man den traditionellen Unterricht ganz vergessen und nur noch projektorientiert arbeiten soll. Vielmehr kommt es darauf an, eine gesunde Mischung von Projektunterricht und anderen Unterrichtsbestandteilen anzuvisieren. Zu diesen „anderen Unterrichtsbestandteile“ gehört u.a. die Vermittlung von Methodenkompetenz, aber auch das Lehren des zur Erarbeitung der Projekte notwendigen Faktenwissens.

Da Projekteunterricht schwer mit dem 45-Minuten-Rhythmus der Schule vereinbar ist, ist es vorteilhaft, die Projekte in dafür vorgesehen Zeitfenstern zu platzieren (z.B.  Projektwochen oder Verfügungstage) oder auch vom regulären Schulunterricht abzukoppeln, z.B. in Form einer Projekt-AG. Ebenso wäre es hinsichtlich des immensen Arbeitsaufwands, der mit Projekten automatisch verbunden ist, vorteilhaft, die Projekte mit gleichgesinnten Kollegen im Team zu planen und durchzuführen.

Die Dramapädagogik hat sich schon seit Längerem in der Fremdsprachendidaktik etabliert, da sie erfordert, dass die im Unterricht erlernte Sprache praktisch angewandt wird. War dies lange Zeit nur im Rahmen von Rollenspielen zwischen Fremdsprachlernern oder im Unterrichtsgespräch mit dem Lehrer möglich, geht die Nutzung des Web 2.0 einen Schritt weiter und eröffnet ganz neue Möglichkeiten, indem es den SchülerInnen erlaubt, mit Muttersprachlern zu kommunizieren und die Fremdsprache zu (er)leben. Diese „Erlebnisse“ können dank der neuen Medien dokumentiert und kostenlos publiziert und so einem weltweiten Publikum zugänglich gemacht werden. Der interaktive Aspekt einer Veröffentlichung im Web 2.0 liegt darin, dass das Klassenzimmer der Welt geöffnet wird und Internetnutzer weltweit Feedback geben können und so auch die interkulturelle Kommunikation gefördert wird.

Prof. Dr. Torben Schmidt stellte zu Ende der Fortbildung ein sehr anschauliches Beispiel einer solchen projektorientierten Nutzung des Internets vor: Das Schulradio der Tilemannschule Limburg von 2008. Das Projekt entstand über einen längeren Zeitraum hinweg und war auch für die Lehrkraft mit erheblichem Arbeitsaufwand – der sich jedoch absolut gelohnt hat – verbunden. Die Beiträge wurden selbstbestimmt und mit Hilfe eines Redaktionsteam, welches sich an gemeinsam definierten Regeln orientierte, produziert. Nach der Veröffentlichung waren laut Schüleraussagen besonders die Blogstatistiken sehr motivierend, da sie den SchülerInnen zeigten, dass ihre Podcasts ein authentisches Publikum hatten. Die Evaluation des Projektes (und damit auch die Notenfindung) basierte zum einen auf einem individuellen Projektbericht, zum anderen auf einer Bewertung der Gruppenergebnisse. Der Projektbericht enthielt eine Selbsteinschätzung, eine Beschreibung der Arbeitsschritte, eine Bewertung der Kooperation innerhalb der Gruppe und einer kritischen Reflexion. Die Evaluation des Endprodukts beruhte auf einer Prozessbewertung, die komplettiert wurde durch eine Bewertung der Sprache und des Inhalts.

Weitere Unterrichtsideen sind Youtube-Video-Wettbewerbe oder Blogprojekte zu bestimmten Themen mit multimedialen Inhalten.

Zusammenfassend kann man auf jeden Fall sagen, dass Schülerinszenierungen auf der digitalen Bühne bei guter Planung eindeutig eine Bereicherung des Unterrichts darstellen und dass das Web 2.0 einen wahrend Mehrwert in der Förderung der Mündlichkeit hat. Es ist auch denkbar, durch solch ein Projekt einen Austausch zu bereichern (z.B. mit dem Projekt Teletandem).

Aus eigener Erfahrung kann ich bestätigen, dass die Zeit, die man in Projektarbeit steckt eine lohnenswerte Investition ist, auch wenn man zuweilen mit erheblichen Schwierigkeiten konfrontiert wird, wie zum Beispiel einer mangelhaften technischen Ausstattung der Schule, Unverständnis und fehlende Unterstützung vom Arbeitsumfeld oder der Schüler- oder Elternschaft und rechtlichen Fragen bezüglich des Datenschutzes, die nur sehr ungenau für den schulischen Kontext definiert sind. Es gilt stets auf der Hut vor potenziellen Stolpersteinen zu sein, doch wenn man das Endprodukt vor Augen hat, dann treten viele dieser Widrigkeiten bald in den Hintergrund und weichen einer inneren Zufriedenheit, die durch nichts zu übertreffen ist. Für mich wäre es außerordentlich wünschenswert, dass alle im Schulsystem relevanten Akteure – von den Schülern bis hin zu den richtungsweisenden Politikern – die Potenziale des Web 2.0 in der Ausbildung der heutigen Jugend nicht nur auf dem Papier anerkennen, sondern auch aktiv ihre Nutzung fördern.

Ich persönlich habe aus dieser Fortbildung einiges „mitgenommen“: Obwohl meine bisherigen Projekte im Vergleich zu den vorgestellten eher wie spontan erdachte Miniprojekte wirken, so denke ich dennoch, dass ich meinen SchülerInnen damit bereits eine beachtlichen Leistung entlockt habe, zumal sie bisher noch kaum bis keinerlei Erfahrung mit dieser Art von Projekten hatten. Die SchülerInnen waren hierbei zum Großteil bereit, sich zunehmend auf Experimente einzulassen und ein Lernfortschritt ist deutlich sichtbar. Und auch wenn ich auch mit dem System innewohnenden Widrigkeiten zu kämpfen hatte und meine Fähigkeit, verantwortungsbewusst mit dem Internet umzugehen und meine SchülerInnen nicht zu gefährden mehrfach angezweifelt wurde, so würde ich es jederzeit wieder so machen – und gedenke auch nicht aufzugeben. Meine einzige Hoffnung ist, dass sich die Umstände mit der Zeit verändern werden und ich eines Tages auf mehr Unterstützung und eine gewisse grundlegende Anerkennung für mein Engagement stoße, als dies momentan noch der Fall ist. Sollten sich die Gegebenheiten zum Positiven hinwenden, so hätte ich z.B. großes Interesse daran, auch virtuelle Welten wie Second Life und ihre Potenziale zur Förderung der Mündlichkeit (aber auch anderer Schlüsselkompetenzen) mit meinen SchülerInnen zu erkunden und so vielleicht auch einige Datenschutzbedenken aus dem Weg zu räumen. Schließlich würde ich mir wünschen, eines Tages aus dem Zwang (sowohl des Systems als auch von Seiten der Schülerschaft), für jede Leistung eine Note geben zu müssen, entlassen zu werden, um meine SchülerInnen dazu animieren zu können, ihre Kreativität um ihrer selbst willen einzusetzen und auszuleben – doch weiß ich zugleich, dass dies eine Utopie bleiben wird.

Abschließend möchte ich noch anmerken, dass auch dieses Mal im Online-Meetingraum des LPM eine entspannte und konstruktive Atmosphäre herrschte, mit interessanten Gesprächen unter Kollegen und einem fachkompetenten Referenten mit hervorragenden didaktischen und methodischen Fähigkeiten und einem Schatz an praktischen Erfahrungen, der diese Veranstaltung zu einer wahren Bereicherung machte.