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Das Thema des ersten Themenblocks vom 23. April bis zum 4. Mai ist „Mobile Apps“. Beim ersten thematischen Live-Event des OPCO 2012 war als Moderator Dr. Marc Göcks anwesend, Referent war Dr. Christoph Igel, Managing Director des Centre for e-Learning Technology, kurz CeLTech. Das CeLTech gehört zur Universität des Saarlandes und befasst sich seit 2007 mit der Forschung und der Entwicklung im Bereich des m-Learning.

Wenn man den von Apple veröffentlichten Zahlen Glauben schenken darf, dann wurden im 1. Quartal 2012 pro Sekunde weltweit 4 iPhones verkauft. Weitere Statistiken sagen aus, dass allein im AppStore bisher über 25 Milliarden Apps gedownloaded wurden. Ähnliche Zahlen gibt es auch für den Google PlayStore und den Nokia Store. Allgemein geht man davon aus, dass jeder Smartphone-Benutzer ca. 50 Apps auf seinem Handy hat und intensiv nutzt. Damit ist es höchste Zeit, die Ära des m-Learning einzuläuten.

Der Horizon Report 2012 sagt zu mobilen Apps:

„Mobile Apps sind derzeit die sich am schnellsten ausbreitende mobile Funktion im Hochschulbereich, mit entsprechenden Auswirkungen auf praktisch jeden Aspekt des informellen Lebens und zunehmend auch auf jede Fachrichtung an der Universität. Stets mit dem Internet verbundene Geräte, die 3G und ähnliche Funknetze nutzen und über eingebaute Sensoren, Kameras und GPS verfügen, haben sich als geeignetes Funktionspaket für hunderttausende von Apps erwiesen. Apps, die sich neuere Entwicklungen dieser Geräte ebenso zunutze machen wie Fortschritte im elektronischen Publizieren und die Konvergenz von Suchtechnologie und Positionsbestimmung, haben diese Art von Software für den akademischen Bereich äußerst interessant gemacht. Hochschulen entwickeln inzwischen in allen Fachrichtungen Apps, die speziell auf die Bedarfe von Forschung und Lehre zugeschnitten sind.“

(Horizon Report auf Deutsch, S. 7)

Somit ist es nicht erstaunlich, dass sich Einrichtungen wie das CeLTech schon seit längerem mit dem mobilen Apps innewohnenden Potenzial beschäftigen.

Zu Beginn seines Vortrags, sprach Dr. Igel kurz über die Definition von m-Learning und dem damit verbundenen Entwicklungsprozess. Lernen soll mit Mobilität verbunden werden, wobei das Wort „Mobilität“ zwei unterschiedliche Dimensionen hat: zum einen geht es in technologischer Hinsicht darum, dass das Lernen auf einem mobilen Endgerät stattfindet, zum anderen jedoch ist auch die gesamte Lernsituation bzw. Lernumgebung mobil. Die Entwicklung des m-Learnings beruht unter anderem auf einer Veränderung des Lernprozesses an sich, nämlich der Tatsache, dass man in der heutigen Welt Wissen im Kontext des Arbeitsplatzes flexibel anwenden können sollte um an einem Problemlösungsprozess teilzunehmen. Diese Hinwendung zur Anwendung des früher oftmals statischen Wissens („Fachidioten“) bedarf einer anderen Art des Lernens, eines Lernens, das genau diese Kompetenzen schult und mit ihnen – im Sinne der lebenslangen (Fort)Bildung – Hand in Hand geht. Allerdings heißt dies für mich auch, dass nicht vergessen werden darf, dass die heranwachsende Generation schon frühzeitig lernen muss, mit diesen Entwicklungen Schritt zu halten und mit den ihr dargebotenen Lern“mitteln“ kompetent umzugehen.

Im Hinblick auf die Entwicklung des m-Learning so gilt es, Anwendungen zu entwickeln, die nicht nur qualitativ in jeglicher Hinsicht (pädagogisch-didaktisch, inhaltlich, technisch, etc.) hochwertig und mit jedem Betriebssystem kompatibel sind, sondern die auch einen Mehrwert gegenüber der herkömmlichen Art des Lernens aufzuweisen haben.  Es geht darum, dass jeder überall, auf jede nur erdenkliche Art und Weise und jederzeit diese Anwendungen nutzen kann, während er ständig online und mit anderen vernetzt ist. Allerdings beziehen sich diese Anforderungen nicht lediglich auf einen Lernprozess im klassischen Sinne, sondern das Leben soll auch erleichtert werden. D.h. neben inhaltlichen Gesichtspunkten geht es auch um den Service-Faktor und das Design der Anwendungen. Dabei sollten auch die Punkte Sicherheit und Verfügbarkeit nicht außer Acht gelassen werden.

Eine auf solch einem Servicegedanken basierende Anwendung ist „Learn&Go“ des eCampus Saar. Seit 2007 in der Entwicklung, soll die momentan unter iOs und Android verfügbare App Lerninhalte mobil verfügbar machen, jedoch gleichzeitig auch vernetzen und einen praktischen Mehrwert für die Studierenden haben. Zu diesem Mehrwert gehört u.a. die Möglichkeit, sich auf dem Campus navigieren zu lassen, Termine und Sprechstunden abzurufen (auch durch visuelle Impulse, z.B. durch Anvisieren eines Gebäudes mit der Kamera), den Mensaplan abrufen und bewerten zu können und bei Vorlesungen interaktiv beteiligt zu werden, z.B. durch Abstimmungen, deren Ergebnisse unmittelbar in der Vorlesung Anwendung finden. Angedacht ist seit 2011 auch die Vernetzung verschiedener Unis der Université de la Grande Région um die Mobilität der Studierenden weiter zu fördern. Auch diese Mobilität ist ein Bestandteil der heutigen (und wahrscheinlich noch viel mehr der morgigen) Arbeitswelt und muss durch Erfahrung erlernt werden.

Lernanwendungen für mobile Endgeräte sollen also den klassischen Inhalt integrieren und mit einem Mehrwert versehen. Dies ist zum Beispiel bei „medical edu online“ der Fall, welches nicht mehr browserbasiert ist, sondern rasend schnell mit speziell dafür entwickelten Apps den sich noch schneller vergößernden Endgerätemarkt erobert. Mehrwert bedeutet in diesem speziellen Fall, dass die bisher im Browser abrufbaren Inhalten mit Anderen geteilt werden können und es Links zu weiterführenden Quellen im Internet gibt. So lernt man, sich in der vernetzten Welt zurechtzufinden und diese optimal zu nutzen. Ebenso wird heutzutage die Arbeit der Assessment-Center zunehmend von Anwendungen übernommen, die gemäß den angegebenen Informationen zu Interessen, Ausbildung und Persönlichkeit interessante Studiengänge und Jobmöglichkeiten empfehlen.

Besonders interessant fand ich den Hinweis Dr. Igels auf MoLE, das Mobile Learning Environment Project, bei welchem u.a. das amerikanische Militär mitarbeitet. Die Idee ist, dass mobile Applikationen in Krisengebieten eingesetzt werden können um Sprachbarrieren zu überwinden, herauszufinden, wo sich bestimmte Personen aufhalten und Informationen über Hilfsmöglichkeiten anzubieten.

Den Abschluss des Vortrags bildete ein ebenso interessantes Beispiel des intelligenten Klassenzimmers: Bei diesem in Shanghai ansässigen Projekt von CeLTech handelt es sich um eine Learning Cloud, die unabhängig vom spezifischen Endgerät genutzt werden kann und die es bis zu einer Million Studenten erlaubt, per IP-TV (Livestream in HD-Qualität, der durch ein besonderes Komprimierungsverfahren problemlos auf mobilen Endgeräten ankommt) an den Vorlesungen teilzunehmen, egal wo sie sich befinden. Hinzu kommt die Möglichkeit, mit den anderen Teilnehmern zu diskutieren, Fragen zu stellen (die von einer geringen Anzahl an Tutoren mit Hilfe von Computern beantwortet werden, indem mögliche Antworten aggregiert und an die Fragesteller zurückgesendet werden). Dies ist ein Schritt in die richtige Richtung: Bildung soll für alle zugänglich sein.

Für die Zukunft sind viele Dinge denkbar, so zum Beispiel die barrierefreie Schule (und Lehrerfortbildung), in der der Umgang mit den neuen Technologien geübt wird und wo individualisierter und binnendifferenzierter Unterricht stattfinden kann. Einzig und allein eine Einschränkung scheint sich laut Dr. Igel abzuzeichnen, nämlich dass es hier vornehmlich um die Visibilität von Informationen geht, während sensible Daten (z.B. Noten, der Standort einer bestimmten Person, usw.) eher ausgeschlossen bleiben sollen – obwohl es im privaten Bereich schon Gang und Gäbe ist, in bestimmten Situationen eine gewisse Einschränkung der Privatsphäre in Kauf zu nehmen und Sicherheitsbedenken hintan zu stellen. Die Schule hingegen geht jedoch nach wie vor davon aus, dass der Schüler schutzbedürftig ist und Schule damit ein geschützter Raum sein muss. Dass dies an den Anforderungen der heutigen Welt vorbeigeht, ist noch nicht bei den Verantwortlichen angekommen. Ich bin der Meinung, dass es weitaus besser wäre, die SchülerInnen schon früh mit dem verantwortungsbewussten Umgang mit diesen neuen Medien vertraut zu machen und ihnen zu zeigen, wie sie sich schützen können, anstatt sie 12 Jahre lang in einen Schutzraum einzusperren und sie dann mit dem Abiturszeugnis bewaffnet in die gefährliche Welt von Morgen ausziehen zu lassen, deren Anforderungen sie dann maximal mäßig gewachsen sind. Dies soll nicht heißen, dass keine Gefahren auf sie lauern werden, jedoch denke ich, dass es besser ist, die potenziellen Gefahren zu kennen anstatt ihnen blind und unwissend in die Arme zu laufen. Dies alles jedoch in die Praxis umzusetzen ist natürlich eine immense Herausforderung, die wir lieber heute als morgen anpacken sollten – und zwar gemeinsam, anstatt als „Exoten“ an unserer Schule im Dienste der Medienbildung zu stehen, jedoch gegen Windmühlen ankämpfen zu müssen anstatt unsere Energie auf die wirklich wichtigen Dinge konzentrieren zu können. Ich zumindest werde gerne versuchen, mich auch weiterhin dieser Herausforderung zu stellen, solange ich sehe, dass ich meine Energie nicht ganz umsonst einsetze – auch wenn hin und wieder dieser Eindruck entsteht.

Zwischen den ambitionierten Plänen einiger visionärer Entwickler und Spezialisten und deren Umsetzung stehen jedoch noch eine ganze Menge an Hürden, die überwunden werden müssen, um die Vision Wirklichkeit werden zu lassen: Zum einen müssen juristische Grauzonen klar definiert werden, die Infrastruktur muss ausgebildet werden, Medienkompetenz und die Bereitschaft, diese zu erwerben und an SchülerInnen weiterzugeben muss vorhanden sein. Viele dieser Voraussetzungen sind heute (noch) nicht gegeben, was u.a. auch an den fehlenden finanziellen Mitteln liegt. Wenn man bedenkt, dass die Kosten für die Learn&Go – App für iOs allein eine Viertelmillion Euro verschlang und das Projekt Digitaler Schulranzen“ in etwas das Doppelte kosten soll, so bleibt zu hoffen, dass auch die Politik die Bedeutung der neuen Medien für die Zukunft erkennen und darin investieren wird.

Beim Verfolgen des Chats während der Diskussion nach Dr. Igels Vortrag bekam ich einmal mehr den Eindruck in einem Raum mit fast 200 Menschen zu sein, die sich untereinander unterhalten, von deren Konversation man jedoch nur Gesprächsfetzen mitbekommt. Dieses metaphorische Stimmengewirr fand ich persönlich sehr unangenehm, zumal ich mich an Äußerungen erinnern kann wie „Lernen soll Arbeit sein“ (im Sinne von: „und keinen Spaß machen“) und ich mehrfach las, dass sich diverse Menschen und Institutionen („die Lehrer“, die Schule, die Schüler usw.) ändern müssen. Auch ich habe einmal so etwas angemerkt, jedoch erhoffte ich mir dabei von irgendjemandem einen konstruktiven Kommentar als Antwort. Es blieb jedoch eher beim Lamentieren anstatt dass über einen konstruktiven Vorschlag, wie wir das Problem beim Schopf packen könnten, nachgedacht wurde. Ein Problem festzustellen ist nicht schwer, seine Lösung hingegen sehr. Auch wenn es sehr idealistisch klingt, so bin ich davon überzeugt, dass wenn genügend Betroffene sich zusammentun und networking betreiben würden, wie dies bereits in manchen Randbereichen erfolgreich praktiziert wird, so könnten wir vielleicht an jeder Schule mit der Zeit einige Verbündete gewinnen, die einen Umschwung herbeiführen könnten, indem sie ihre Aufgeschlossenheit gegenüber Neuem zur Schau stellen und bereit sind, umzudenken, um so den notwendigen Paradigmenwechsel einzuläuten.

Der Tenor dieser Veranstaltung war für mich leicht ernüchternd: Es gibt viele Ideen und Menschen, die diese Ideen umsetzen wollen und in jahrelanger Kleinarbeit könnten, jedoch gibt es ebenso viele, wenn nicht noch mehr Hürden, die es zu überwinden gibt. Im Bezug auf die Schule ist für mich klar, dass man sich vielleicht zuerst einmal innerhalb der potentiellen Möglichkeiten kleine aber klar definierte Ziele stecken sollte, auf die man gemeinsam hinarbeitet, um so Schritt für Schritt eine optimale Lernumgebung mit m-Learning und anderen modernen Arten des Lernens zu bauen. Dass diese Herausforderung innerhalb der nächsten 10 Jahre vollkommen gemeistert sein wird, davon gehe ich trotz rasanter Entwicklungen nicht aus, u.a. deshalb, weil zwar Bildungspläne und Theorien existieren, es uns jedoch aufgrund vieler hinderlicher „Kleinigkeiten“ (Geld, Infrastruktur, Motivation, Einstellung und Bereitschaft der Schüler, Eltern, Kollegen, Schulleitung, Schulgehörde, des Rechtswesens, der Bildungspolitik, usw.) schwer gemacht wird, uns auf die konkrete Umsetzung zu konzentrieren. Ich würde mich freuen, einige der ambitionierten Projekte in nicht allzu ferner Zukunft tatsächlich in der Praxis austesten zu können, bleibe beim momentanen Stand jedoch skeptisch, ob dies eine realistische Hoffnung ist.

Wie Herr Dr. Igel am Schluss gekonnt zusammenfasste: Neben der Qualität von m-Learning-Apps ist es auch wichtig, dass sie einen Mehrwert zum konventionellen Lernen in Form einer Orientierungshilfe darstellen. Mit anderen Worten: Die Frage, ob sich die Investition im Hinblick auf das Ergebnis lohnt muss mit einem eindeutigen und lauten „Ja“ beantwortet werden. Natürlich darf hier auch nicht übersehen werden, dass sich die Technologie rasend schnell weiter entwickelt und es nicht einfach sein wird, mit diesen Veränderungen Schritt zu halten und so zu vermeiden, dass die neuen Entwicklungen bei Markteinführung bereits schon wieder überholt sind.

Meiner Meinung nach würde sich diese Investition sicherlich lohnen, wenn man gute Ausgangsbedingungen hätte und Experten für die Entwicklung gewinnen könnte. Allerdings ist es in diesem Falle auch nötig, dass alle Beteiligten den neuen Medien etwas aufgeschlossener gegenüber stehen und so ein Umdenken überhaupt erst möglich wird.