Gestern Abend nahm ich zum ersten Mal an einer von Jürgen Wagner moderierten Online-Fortbildung des Landesinstituts für Pädagogik und Medien in Saarbrücken teil. Auch hier stand mein Urteil schnell fest: tolle Organisation, hervorragende Moderation und eine super Atmosphäre bei immerhin 38 Teilnehmern im AdobeConnect Meetingraum. Mich hat man dort sicher nicht zum letzten Mal gesehen!

Wenn man Mag. Dr. Thomas Strasser, Autor von Moodle im Fremdsprachenunterricht und Medienpädagoge mit eigener Homepage, auch nur wenige Minuten lauscht, so wird schnell klar, dass man einen hervorragenden Fachdidaktiker vor sich hat, der nicht nur dazu fähig ist, auf theoretischem Gebiet zu schreiben, sondern auch kompetent dieses theoretische Wissen in die Praxis umsetzen kann. Er bot nicht nur einen äußerst gut strukturierten Vortrag, sondern verstand es ausgezeichnet, komplexe Dinge auf den Punkt zu bringen und flexibel auf Rückfragen zu antworten. Damit schaffte er es, in knapp 90 Minuten einen sehr guten Überblick über praktisch durchaus einsetzbare „Edu-Apps“ zu geben, der auch nicht ganz so erfahrene Kollegen nicht überforderte.

Zu Beginn der Fortbildung wurde noch einmal kurz referiert, was das Web 2.0, ein Begriff der seit längerer Zeit aus der heutigen Gesellschaft nicht mehr wegzudenken ist, charakterisiert und wieso es einen Paradigmenwechsel in der Schule bedarf, um mit diesen Entwicklungen Schritt zu halten. Während das Web 1.0 der 90er noch ein „Lese-Netzwerk“ war, welches 1996 von ca. 45 Millionen Menschen genutzt wurde um Informationen herunterzuladen, so surften 2006 schon mehr als eine Milliarde User im Web 2.0. Das Web 2.0 unterschiedet sich vom Web 1.0 grundlegend dadurch, dass hier der Nutzer aktiv mitgestaltet und es sich somit um ein „Lese-Schreib-Netzwerk“ handelt. Bestes Beispiel dafür ist Wikipedia, keine gewöhnliche Enzyklopädie, in der man lediglich Informationen nachschlagen kann, sondern man kann auch selbst Artikel abändern oder neu erstellen. Dies stellt natürlich einen Mehrwert im Vergleich zu einem Buch dar (ohne zu vergessen, dass man bei Webinhalten eben durch diesen interaktiven Aspekt vorsichtig sein sollte, was man glaubt).

Wenn man sich einmal die Ausmaße und die damit einhergehende Unüberschaubarkeit des Web 2.0 ansieht, so wird schnell klar, dass man seine Existenz und seine Bedeutung heutzutage nicht mehr verleugnen kann, dass der Umgang damit, die „media literacy„, unbedingt teil der Schulbildung sein muss. Dies wird auch immer deutlicher durch den Teil des Web 2.0, welcher die soziale Interaktion in den Mittelpunkt stellt: die sozialen Netzwerke, die inzwischen ebenso unüberschaubar geworden sind, auch wenn natürlich Twitter, Facebook und Youtube nach wie vor Marktführer sind.

Web 2.0

Natürlich hat die Bildungspolitik schon längst die nicht mehr ignorierbare Bedeutung des Internets in der heutigen Gesellschaft erkannt und vorausschauend für die heutige Schülergeneration, aber auch für die zukünftigen Schülergenerationen, die mit dem Internet groß werden und sich vermutlich irgendwann mit dem bisher noch theoretisierten Web 3.0, dem semantischen Internet, konfrontiert sehen werden, die Bildungspläne überarbeitet (s. Bildungspläne & Leitgedanken des Bildungsplans BW: Englisch / Französisch). Nur bleibt in diesem Kontext die schwierigste Frage, nämlich die der Umsetzung, ungestellt und somit auch unbeantwortet.

Um eben mit diesen rasenden Veränderung Schritt zu halten ist ein Umdenken und ein damit verbundener Paradigmenwechsel in der Schule des 21. Jahrhunderts unerlässlich. Natürlich sollen wir auch die Vergangenheit nicht vernachlässigen und die altbewährten Lehrmethoden nicht komplett über Bord werfen, jedoch müssen wir sie den Gegebenheiten anpassen, um neben der Vergangenheit auch die Gegenwart und die Zukunft mit einzubinden.

Momentan gibt es drei große Probleme, die sich dem Aufbruch zu dem notwendigen Paradigmenwechsel in den Weg stellen: die Infrastruktur der meisten Schulen, die pädagogischen Fähigkeiten (und teilweise auch der fehlende Wille umzudenken) der LehrerInnen und der Widerstand der Eltern und möglicherweise der Schüler.

Die Infrastruktur der meisten Schule ist in sofern unzureichend, als dass Computerräume nur in geringer Zahl vorhanden und mäßig ausgestattet sind, die Internetverbindung unzuverlässig ist, kein W-Lan zur Verfügung steht und oftmals auch kein hauptberuflicher Netzwerkbetreuer vorhanden ist. Somit übernehmen bestimmte Kollegen diese Aufgabe meist in ihrer Freizeit, sodass die notwendige Pflege des vorhandenen Equipments meist nicht gewährleistet ist. Diese Unzuverlässigkeit seitens der technischen Ausstattung ist vermutlich mit ein Grund, wieso Frust vorprogrammiert ist und wieso auch hochmotivierte LehrerInnen eventuell vor der regelmäßigen Einbindung der neuen Medien in ihren Unterricht zurückschrecken.

Die Lehrerausbildung ist momentan noch nicht darauf ausgerichtet, mit den neuen Medien zu unterrichten, was zum einen daran liegen mag, dass in bestimmten Regionen nicht genügend Ausbilder selbst die notwendigen Fähigkeiten haben, zum anderen aber auch in der Tatsache, dass ein Strukturwandel Zeit (und Geld) braucht. Dies sind beides Dinge, die wir eigentlich nicht haben. Ebenso gibt es KollegInnen, junge wie ältere, die sich auf ihre Ausbildung berufen und den „technischen Schnickschnack“ für unnötig halten. Ich kann ein Lied von dieser Einstellung singen, denn ich ernte selbst häufig verständnislose Blicke, wenn ich von meinen Twitter- und Weblogprojekten, meiner Webseite oder ähnlichen Aktionen berichte.

Schließlich ist jedoch auch der Widerstand aus den Eltern- und Schülerreihen nicht zu unterschätzen. Die Eltern sehen aufgrund ihrer eigenen, nicht-mediengestützten Ausbildung und der Tatsache, dass sie ihrer Arbeit meist ohne die neuen Medien nachgehen können, keinerlei Nutzen darin, dass die Schule (oder ein bestimmter Lehrer) dafür sorgt, dass ihre Kinder, die „ja sowieso mit den neuen Medien aufwachsen und ständig vor dem Computer sitzen“, auch noch zur Mehrarbeit im Medienbereich gezwungen werden und dadurch „weniger lernen“. Dass genau diese Kinder vielleicht weitaus weniger am Computer säßen, wüßten sie kompetent damit umzugehen, wird ebenso ignoriert wie die Tatsache, dass der Computer nicht nur ein Spielzeug sondern ein wertvolles Werkzeug ist, das das Leben – bei entsprechender Handlungskompetenz, womit der Faktor „Schlüsselkompetenzen“ ins Spiel kommt – um ein Vieles einfacher macht. Ein weiterer häufig genannter Kritikpunkt sind die Verrohung der heutigen Jugend und die vor allem durch die Medien verbreitete (angebliche) Gefahr, die das Internet darstellen kann. In Punkto „Verrohung der Jugend“ würde ich so manche Eltern gerne darauf hinweisen, dass die Wahrscheinlichkeit einer Verrohung bei einer guten Erziehung tendenziell gegen Null geht, was die viel thematisierten Gefahren der neuen Medien angeht, so wird man diese auch im strengsten Falle durch ein Internetverbot nicht bannen. Vielmehr ist gerade aus diesem Grund die Medienerziehung ein wichtiger Bestandteil der Schulbildung, denn wo sonst sollen die SchülerInnen lernen, sich vor den durchaus überall lauernden Gefahren zu schützen? Von ihren Eltern?

Was den Widerstand der SchülerInnen angeht, so liegt der Grund dafür auf der Hand: es ist viel bequemer in der Schule zu sitzen und sich 6-8 Stunden pro Tag berieseln zu lassen, dann vielleicht (oder vielleicht auch nicht) die Hausaufgaben schnell zu erledigen um anschließend zum angenehmeren Teil des Lebens – sinnlose Computerspiele, Sport, Frende treffen, etc. – überzugehen. Wieso sollte man die Zeit, die man vor dem Computer verbringen darf auch noch für die Schule opfern? Ohne verallgemeinern zu wollen, in den letzten drei Jahren meiner Nutzung der neuen Medien im Fremdsprachenunterricht haben ca. 90% meiner SchülerInnnen diese Haltung an den Tag gelegt. Ob man ihnen – sei es nun aufgrund der Ausstattung der Schule, dem fehlenden Engagement von weiteren Kollegen, der Haltung des Elternhauses oder ihrer jugendlich-pubertären Unvernunft – einen Vorwurf machen darf ist jedoch fraglich.

Fakt ist: Man kann zu den neuen Medien stehen wie man will, ihre Bedeutung in der heutigen und der zukünftigen (Arbeits)Welt – und schließlich sind wir ja Lehrer geworden, um unsere SchülerInnen für die Ansprüche, die die Zukunft an sie stellen wird, zu wappnen – kann man nicht leugnen und muss sich deshalb – sei es nun widerstrebend oder begeistert – damit auseinandersetzen. Die Diskussion um eine Sache, die von vorne herein entschieden ist, lohnt einfach nicht.

Wie schon erwähnt, bietet das Web 2.0 eine Fülle von Anwendungen, die jede Minute unüberschaubarer wird. Daher ist es nötig, eine Auswahl zu treffen und nach den Diensten suchen, die sich in der Schule problemlos und nutzbringend – d.h. in einem bildungsrelevanten Kontext – anwenden lassen. Thomas Strasser nennt solche Anwendungen mit didaktischen Potenzial „Edu-Apps„. Edu-Apps verbinden die Freude am Lernen mit einem didaktischen Ziel und bestehen aus 6 Komponenten: sie sollen zur Reflexion, Kreation, Kommunikation und zur Kollaboration anregen, Modifikation zulassen und der Multiplikation Vorschub leisten.

Nachfolgend ein kurzer Überblick über die vorgestellten Edu-Apps, die mir am besten gefallen (u.a. auch aufgrund der Möglichkeit, ihre Ergebnisse auf meiner Webseite und meinem Blog einzubetten) und die ich gedenke auf jeden Fall mit der einen oder anderen Klassen auszutesten:

  • Tagxedo (ähnlich wie Wordle): Visualisierungstool für die Häufigkeit bestimmter Wörter in einem Text, je öfter das Wort vorkommt, desto größer wird es visualisiert
    •  Einstieg in ein bestimmtes Thema: z.B. erweisen sich bei Martin Luther King’s „I have a Dream“ die Wörter „freedom“ und „nation“ als besonders häufig verwendet
    • Einstieg in einen Text: Erraten von Textsorten / erste Interpretation eines Textes ohne ihn vorher zu lesen
    • Lexik: Erarbeitung von themengebundenem Vokabular
    • Grammatik: Zusammensetzen von „gescrambleten“ Fragestätzen
    • Schreibfertigkeit: Selbstkorrektur bzgl. der Wortwahl (Identifikation von häufig auftretenden Wörtern und deren Ersetzung durch Synonyme)
  • Wallwisher (ähnlich wie Popplet): Kollaboratives Mindmapping auf einer großen interaktiven Tafel und unter Hinzunahme von Links, Audio, Video, etc.
    • A word / an idiom a day
    • Rätsel (pro Tag ein Hinweis mehr)
    • Thematische Mindmaps erstellen
    • lexikalische Mindmaps erstellen
    • Feedback geben
  • Crocodoc (ähnlich wie GoogleDocs): Kollektive, asynchrone (?) Arbeit an Textdokumenten [u.a. von der New York Times genutzt]
    • arbeitsteiliges Bearbeiten von bestimmten Fragen und Hervorheben der Antworten
    • gezieltes Lesen trainieren
    • Glossare und Vokabellisten erstellen
  • Edupad (ähnlich: Piratepad): synchrone Arbeit an Textdokumenten; Nebeneffekt: die Netiquette wird erlernt
    • Texte mit Fehlern verbessern lassen (z.B. Zeitenfehler)
    • Nachteil: max. 15 User pro Gruppe
  • Cueprompter: Teleprompter selbst mit Texten „füttern“
    • Training der Redekompetenz mit vorgegebenem Szenario (z.B. „It’s hard to be the President“ + ein konkretes Problem, das angesprochen werden muss)
  • Audioboo: Podcasts einfach aufnehmen (bis max. 5 Minuten)
    • ich nutze auch gerne  CLEAR von der Michigan State University, da es mir erlaubt, eine Audio Dropbox in meine Webseite einzubauen, deren Zeitlimit ich selbst definieren kann und welche die Aufnahme auf dem Server speichert, mich per Email über neue Dateien informiert
    • weitere Tools: Broadcasts für Podcasting; Conversations für Fragen, die asynchron beantwortet werden; Mashups; Quizbreak!, ähnlich wie Jeopardy; Smile für interaktive Übungen; Video Dropbox; Viewpoint, ähnlich wie Youtube, aber mehr Anwendungsmöglichkeiten und für Lehrer konzipiert; Worksheets für interaktive Arbeitsblätter
  • Voicethread: Kollaboration mit Wort und Bild
    • Audiofeedback zu Video- oder Bildimpuls

Viele dieser Anwendung haben auch mehr oder minder gute Handy-Apps (meist iPhone und Android). Einige können auch miteinander verbunden werden, z.B. können Wordle-Ergebnisse in Mindmaps eingebettet werden. Bei allen wurde sehr viel Wert gelegt auf ihre Sicherheit aufgrund der Anwendung im Bildungsbereich. Weitere Anregungen finden Sie in der Präsentation von Thomas Strasser. (@Thomas Strasser: Herzlichen Dank für die Erlaubnis, die Präsentation im Sinne der sozialen Medien zu verbreiten:))

Während der abschließenden Diskussion wurden noch einige weitere Links bzw. Literatur genannt, die ich natürlich nicht vorenthalten möchte:

Was ich bei der Fortbildung besonders schätzte, waren die ausführlichen Praxisbeispiele, die vorgestellt wurden. Sie sind nicht nur mit wenigen Vorbereitungen auf die eigenen Ideen anwendbar, sondern es wurden auch konkrete Beispiele zum Einsatz im Fremdsprachenunterricht genannt. Obwohl ich einige der Dienste schon kannte, bekam ich neue Impulse zu ihrer Verwendung und lernte darüber hinaus noch weitere interessante Tools kennen. Schließlich war es nicht nur erfrischend wieder einmal eineinhalb Stunden mit Gleichgesinnten zu kommunizieren, sondern entgegen meinen Befürchtungen nach einer kurzen Recherche über Herrn Strasser sind alle vorgestellten Edu-Apps nicht nur in Moodle (was ich ja bekanntlich nicht so gerne mag:)) sondern auch auf Blogs und Webseiten nutzbar.

Wenn Sie sich selbst eine Meinung über die Fortbildung bilden möchten, so sind Sie herzlich eingeladen sich die Aufzeichnung anzuschauen.