Gestern Abend nahm ich an einer Fortbildung über Vokabelschatz und Sprachspiele teil. Veranstalter war das Projekt Virtuelle PH aus Österreich, Referent war Stephan Waba.

Wortschatzarbeit ist einer der wichtigsten Bestandteile des modernen Fremdsprachenunterrichts. Sein erklärtes Ziel ist die Ausbildung der Kommunikationskompetenz. Um zu kommunizieren braucht man vor allem die passenden Worte um die gewünschten Inhalte zu vermitteln, Grammatik ist hier zweitrangig.

Nach einem kurzen Überblick über verschiedene Arten von Wörterbüchern wurden auch Online-Übersetzer diskutiert. Neben herkömmlichen Papierwörterbüchern wurden elektronische und Online-Wörterbücher vorgestellt sowie verschiedene Webseiten auf denen man selbst Bilderwörterbücher erstellen kann (z.B. http://www.compfight.com) und Wiktionary, das Wörterbuch zum Mitmachen. Schließlich wurden noch die zwei Online-Übersetzer von Yahoo (Babelfish) und Google thematisiert. Durch die Betrachtung von verschiedenen Beispielen wurde wieder einmal klar belegt, dass diese Online-Tools, so gute Ergebnisse sie auch inzwischen vereinzelt liefern, im Grunde besonders bei längeren Texten zu nicht viel mehr dienen können als eine grobe Vorstellung vom Gesagten zu vermitteln.

Nachfolgend wurden Ideen vorgestellt, wie man Anfänger im Fremdsprachenunterricht spielerisch mit der Verwendung von Wörterbüchern vertraut machen kann. Dabei handelte es sich vornehmlich darum, schnell im Alphabet „navigieren“ zu lernen. Dieser bewußte Umgang mit einem Papierwörterbuch darf in der heutigen Zeit der Handy-Apps nicht vernachlässigt werden, u.a da im Abitur natürlich nur Papierwörterbücher verwendet werden dürfen, jedoch natürlich auch weil der Umgang mit richtigen Büchern nicht in Vergessenheit geraten darf. Um schnelles Nachschlagen zu trainieren, gibt es verschiedene spielerische Ansätze, so z.B.

  • Codeknacker (Nachrichten codieren, indem man jeden Buchstaben durch einen anderen, z.B. einen im Alphabet davor liegenden, ersetzt, wodurch ‚what‘ zu ‚vgzs‘ wird)
  • Listen mit teilweise falsch geschriebenen Wörtern, die nachgeschlagen und gegebenenfalls verbessert werden müssen
  • Listen mit teilweise existierenden, teilweise erfundenen und nur richtig klingenden Wörtern austeilen und die Schüler sollen herausfinden, welche es gibt
  • Zum Üben der Lautschrift: Lückentexte mit der Lautschrift der einzusetzenden Wörter, die dann unter Zuhilfenahme des Wörterbuchs richtig geschrieben werden müssen
  • Spiele von Webseiten wie z.B. http://www.enchantedlearning.com und http://www.learningplanet.com

Bei all diesen Spielen geht es weniger um den Inhalt selbst, als viel mehr um die Beschäftigung mit dem Wörterbuch.

Für fortgeschrittene Lerner wurden drei große Bereiche vorgestellt: die Beschäftigung mit den Wörtern selbst (Wortarten, Idiomatik, Kollokationen), die Semantisierung von neuen Wörtern und die Arbeit am eigenen Text.

So kann das Wörterbuch verwendet werden, um Wortarten nachzuschlagen oder idiomatische Ausdrücke und Kollokationen kennen zu lernen, indem Lückentexte ausgeteilt werden, in denen z.B. die zum Verb gehörenden Präpositionen nachgeschlagen werden müssen. So werden gleichzeitig „false friends“ entlarvt, die durch die selbständige Entdeckung und nachfolgende eigenständige Verwendung eventuell besser im Gedächtnis bleiben als wenn sie nur auf einer Vokabelliste ausgeteilt werden.

Durch die Semantisierung von neuen Vokabeln, d.h. indem man sie in einem Kontext präsentiert, werden sie so gelernt, dass sie anschließend auch entsprechend richtig verwendet werden können. Eine mögliche Herangehensweise für Lehrer ist es hier, Sprachkorpora zu nutzen, seien es Online-Korpora (wie z.B. Corpuseye, Lextutor, Collins Wordbank oder British National Corpus) oder Korpora, die man mit Hilfe eines Tools wie TextStat (Freeware der FU Berlin) aus eigenen oder Schülertexten selbst erstellt. Vorteil von TextStat ist, dass es sprachübergreifend verwendet werden kann, da es lediglich die verwendeten Texte statistisch überprüft. Alternativ kann auch Google als Sprachkorpus verwendet werden, indem man eine beliebige Suche durchführt und die ausgegebene Ergebnisse verwendet. Die so erhaltenen Konkordanzlisten kopiert man dann den Schülern und ersetzt das entsprechende Wort durch eine Lücke. Aufgabe ist es, das „geheimnisvolle Wort“ mit Hilfe des Wörterbuchs zu finden. Ebenso kann man unter Verwendung von Konkordanzlisten z.B. „false friends“ zuerst erklären lassen, sie dann entfernen und in die einzelnen Beispielsätze einsetzen lassen. Schließlich kann man die Schüler auch aktiv mit Korpora arbeiten lassen: wenn sie z.B. Texte aus verschiedenen Zeitungen analysieren, lernen sie, zwischen einzelnen Sprachniveaus zu unterscheiden. Eine solche intensive Beschäftigung mit dem Wortschatz wird im Endeffekt dazu führen, dass Schüler nicht nur den aktiven Wortschatz ausbauen, sondern auch ihre Texte bewußter schreiben.

Natürlich kann der Wortschatz auch gezielt erweitert werden. Diese Wortschatzarbeit ist sehr individuell, da jeder Schüler die Wörter lernt und behält, die er auch aktiv verwenden möchte. Eine Möglichkeit, den Wortschatz zu erweitern ist die Arbeit mit Wortfamilien, die dann anschließend z.B. in einer Mindmap festgehalten werden können. Oder aber man kann selbst ein Mini-Wörterbuch anlegen lassen, in dem die individuell benötigten Wörter mit Beispielsätzen, Synonymen, usw. festgehalten werden. Synonyme können in Online-Thesauri wie z.B. www.dictionary.reverso.net gefunden werden.

In Punkto Vokabeln lernen wurde eine interessante Alternative zur herkömmlichen Lernkartei vorgestellt: Memorylifter. Anders als die normale Lernkartei mit ihrem recht unflexiblen Wiederholungsrhythmus, der Begrenzung auf Schrift und Bilder und der Beschränkung der Nutzer auf nur eine Person bietet Memorylifter Wiederholung nach optimierten Logarithmen, ermöglicht die Verwendung von multimedialen Elementen und es können mehrere Schüler gemeinsam die virtuelle Lernkartei nutzen. Darüber hinaus erschwert der kostenlose Memorylifter den Selbstbetrug und bietet an, aus den Vokabeln Übungen (z.B. Lückentexte) zu erstellen.

Abschließend wurden noch einige recht interessante Beispiele für Vokabelspiele vorgestellt:

  • Four in a row: Wortraster von z.B. 4×4 Verben, die die Schüler abwechselnd „belegen“ dürfen, sobald sie etwa deren Vergangenheitsform richtig nennen können; wer vier Verben in einer Reihe ankreuzen durfte, gewinnt
  • Pass the bomb: Eine tickende „Bombe“ (z.B. vom Spiel „Tick Tack Bumm“) wird von den Schülern herumgereicht und darf weitergegeben werden, sobald beispielsweise die Vergangenheitsform eines Verbs richtig genannt wurde; der Schüler, bei dem die Bombe „explodiert“, scheidet aus
  • Buchstabensuppe: Schiffe versenken mit Buchstaben statt Kreuzen
  • Fliegenklatsche: Teile eines Wortpaars (z.B. simple present / simple past) oder Zahlen werden an die Tafel geschrieben; der Lehrer nennt das entsprechende Pendant oder die Zahl in der Fremdsprache und die Schüler müssen versuchen, mit einer Fliegenklatsche möglichst schnell auf das richtige Wort oder die richtige Zahl zu schlagen.
  • Schnipp-Schnapp: Kartenspiel, bei denen zwei Spieler gleichzeitig Karten aufdecken und nach den Karten schnappen, wenn ein passendes Paar (z.B. Bild und Wort, Zeiten usw.) aufgedeckt wird

Insgesamt fand ich die Fortbildung gut strukturiert, interessant und informativ. Besonders gut fand ich die Tatsache, dass viele sehr konkrete Beispiele genannt wurden, die mühelos auf beliebige Sprachen übertragen werden können. Des Weiteren bekam ich einige neue Ideen für die Wortschatzarbeit, wie etwa ein Lückendiktat mit Lautschriftelementen und den Codeknacker, und auch wenn ich während meines Studiums mehrfach mit Korpora zu tun hatte, so war mir die Nützlichkeit von Konkordanzlisten für die Wortschatzarbeit bisher entgangen. Ebenso habe ich von der Existenz von Memorylifter erfahren, welches ich sicher demnächst einmal meinen Schülern vorstellen werde. Schließlich kannte ich die meisten der vorgestellten Vokabelspiele ebenfalls noch nicht und auch sie werden vielleicht ihren Weg in die eine oder andere Stunde finden.

Abschließend bleibt noch zu sagen, dass mich der Vortrag etwas wach gerüttelt hat. Bisher habe ich in Klasse 7 im Englischunterricht das zweisprachige Wörterbuch von Pons eingeführt und bin davon ausgegangen, dass die Schüler keinerlei Probleme mit den grundlegenden Fähigkeiten wie dem Alphabet haben. Dass auch dies zu Beginn einmal geübt werden sollte, kam mir bisher leider nicht in den Sinn. Ebenso habe ich bisher darauf verzichtet, bestimmte Dinge im Unterricht auf spielerische Weise – und sei es nur für ein paar Minuten – nochmals aufzugreifen, da ich in den letzten Jahren oft mit relativ lebhaften Klassen konfrontiert war, die jeden kleinen Freiraum sofort ausnutzten, weshalb ich es vorzog, solche Freiräume zu vermeiden und stattdessen eher schriftliche Übungen machen ließ und abgesehen davon meinen Schülern mehrfach aufgab, gewisse Dinge auswendig zu lernen – wobei ich auch ehrlich zugebe, dass ich der Meinung bin, dass manche Dinge am besten gelernt werden, wenn sie auswendig gelernt werden. Allerdings ist mir im Laufe dieser Fortbildung klar geworden, dass sich meine Schüler das ein oder andere Grammatikphänomen und auch hin und wieder die neuen Vokabeln vielleicht besser merken könnten, wenn sie in einer spielerischen Einlage wiederholt werden. Jedoch werden auch hier wieder einmal die Grenzen vom System gesetzt: bei 3 Stunden Englischunterricht pro Woche und einem damit verbundenen sehr straffen Zeitplan werde ich allen guten Vorsätzen zum Trotz sicherlich nicht mehr als einmal pro Monat die Zeit haben, Spiele in den Unterricht mit einzubauen. Sollte ich jedoch in den nächsten Jahren einmal im Anfangsunterricht mit 5-6 Stunden pro Woche eingesetzt werden, so kann ich es mir gut vorstellen, etwas zu experimentieren und bei einer disziplinierten Klasse dann eventuell auch einmal die eine oder andere Übung zu Gunsten eines Spiels mit denselben Zielen wegfallen zu lassen.

Eine Aufzeichnung der eLecture finden Sie im eLectures Archiv und die Powerpoint-Präsentation finden Sie hier.