Vor zwei Wochen habe ich in meiner 11. Klasse (Jahrgangsstufe 1) ein neues Projekt in Angriff genommen. Wir haben gerade damit begonnen, die ersten vier von insgesamt 11 Kurzgeschichten der Anthologie „One Language Many Voices“ zu lesen, welche in Baden-Württemberg bis zum Abitur 2013 literarisches Sternchenthema in Englisch ist. In der Anthologie geht es um das Empire und seine Auswirkungen auf das heutige Großbritannien. Angesprochene Themen sind u.a. Immigration, ethnische Minderheiten, Rassismus und Identität. Die Anthologie selbst ist in drei Teile eingeteilt und enthält neben Geschichten zum heutigen Großbritannien auch Kurzgeschichten, welche während der Kolonialzeit geschrieben wurden. Dabei kommt auch die Perspektive der kolonisierten Völker nicht zu kurz.

So schön ich persönlich dieses Thema finde, so habe ich doch bei meiner letzten Kursstufe feststellen müssen, dass es den Schülern recht schwer fällt, den Überblick über 11 so unterschiedliche Geschichten, die zudem nichts mit ihrer eigenen Lebenswelt zu tun haben, zu behalten und neben den Zusammenhängen in den Geschichten selbst auch die Zusammenhänge der Geschichten untereinander zu erkennen, ohne aus den Augen zu verlieren, dass all diese Kurzgeschichten auch unterschiedliche Bezüge zu behandelten Landeskundethemen aufweisen. Diese scheinbare Sisyphusarbeit in den Griff zu bekommen scheint für viele auf den ersten Blick unmöglich und dennoch habe ich es mir zum Ziel gesetzt, zumindest einem Teil meiner Schüler diese Fähigkeit, einen Schritt zurückzutreten und dann den Stein mit Wucht bis zur Bergspitze zu bringen (oder sogar darüber hinaus zu katapultieren), mit anderen Worten: das große Bild zu sehen, zu vermitteln.

Mir ist es im Laufe meines Studiums immer leichter gefallen, Zusammenhänge zu erkennen, wenn ich mich in die Figuren der behandelten Literatur einfühlen konnte. Da wir im Unterricht sowieso Twitter nutzen, kündigte ich meinen Schülern von einigen Stunden an, dass sie ab sofort und ausnahmsweise im Unterricht ihre Mobiltelefone benutzen dürfen, um die Gedanken von Personen in der momentan behandelten Geschichte zu twittern. Das zu verwendende Hashtag ist #echemp (für „Echoes from the Empire“, ein Name, den ich auch für ein Podcastingprojekt meiner Kursstufe 2 verwende). Wer kein Mobiltelefon mit Internetverbindung zur Verfügung hat, der darf sich während der Stunde mein Zweithandy holen, um zu twittern. Alternativ darf natürlich auch erst zu Hause gezwitschert werden.

Momentan haben wir im Unterricht selbst noch nicht oft getwittert, jedoch gehe ich davon aus, dass dies in den nächsten Wochen etwas zunehmen wird. In der einen Stunde, in der wir im Computerraum Unterricht haben, werde ich in Zukunft über den Beamer Twitter hinter mir „an die Wand werfen“, sodass wir möglichst synchron arbeiten können und die Schüler gleich sehen, welche Gedanken ihre Mitschüler an einer bestimmten Stelle der jeweiligen Kurzgeschichte haben.

Diese interaktive Vorgehensweise wird es hoffentlich auch den zurückhaltenderen Schülern ermöglichen, ihren Gedanken Ausdruck zu verleihen und sich in die Protagonisten hinein zu versetzen. Durch den persönlichen Bezug und eine gewisse Identifikation mit den Figuren erhoffe ich mir außerdem, dass die Geschichten besser präsent bleiben, sodass auch in etwas mehr als einem Jahr, wenn das schriftliche Abitur vor der Tür steht, keine Panik ausbrechen wird.

Die Tweets werden von mir auf zwei verschiedenen Plattformen (Facebookgruppe & Webseite) gesammelt. Da ich sie jedoch auch über die zehn Tage zurückreichende Suche bei Twitter hinaus erhalten möchte, habe ich bei Tweetdoc einen Sammelauftrag angelegt, welcher ständig aktualisiert wird und später als PDF zugänglich ist.