Nachdem es beim ersten Teil der zweiteiligen Veranstaltung zur Neurodidaktik darum ging, wie man nachhaltig Unterrichtsinhalte vermitteln kann, ging es beim zweiten Teil um die Frage „Kann Lernen Freude machen?“, wobei auch die Frage „Kann man Schüler zum Lernen zwingen?“ angesprochen wurde.

Prinzipiell konfrontieren wir unsere SchülerInnen tagtäglich mit bestimmten Problemen, die nur lösbar sind, wenn sie neue Erkenntnisse umsetzen. Idealerweise sollten diese Probleme so konstruiert sein, dass sie für die SchülerInnen relevant sind und an ihr Bestreben, die Welt verstehen zu wollen, anknüpfen. Jedoch kann die Freude am Lernen auch sehr schnell kaputt gemacht werden, wenn der Lernprozess nicht gut organisiert ist und die Lösung des Problems somit nicht zu dem für das Erhalten der Freude am Lernen notwendigen Ausstoß von Botenstoffen führt.

Ganz allgemein sind Interessen der Ausdruck von Begabungen, die man gerne zeigen möchte. Da wir als LehrerInnen uns vor allem an den Lehrplänen orientieren (müssen), ist der Raum, den wir unseren SchülerInnen in der Schule zum Ausleben ihrer eigenen Interessen bieten können, oft sehr gering. Dies ist jedoch im Endeffekt nicht sehr effektiv. Daher müssen wir an einer neuen Didaktik arbeiten, die sich zwischen den Lehrplänen und den Interessen und der Neugier der SchülerInnen bewegt.

Kinder haben eine angeborene Lust am Entdecken, die wir uns zu Nutzen machen sollten um ihnen beizubringen, wie man Fragen stellt. Leider ist es im heutigen Schulalltag allzu häufig der Fall, dass umgekehrt vorgegangen wird und wir zuerst eine Lösung präsentieren, die wir dann erklären. Diese Vorgehensweise hindert das limbische System daran, sich einzuschalten, da es die ankommenden Informationen in die Kategorien neu/bekannt und (für das Individuum) wünschenswert/nicht wünschenswert einteilt. Diese Auswahl ist in unserer heutigen Gesellschaft, in der wir in jeder Sekunde mit unzähligen Impulsen konfrontiert werden, nötig um nicht den Halt zu verlieren. Nur wenn die ankommenden Informationen neu und für das Individuum als wünschenswert eingestuft werden, wird daher das limbische System aktiviert und der Lernprozess ist erfolgreich. Dies heißt folglich für uns, dass wir den SchülerInnen die neuen Informationen so vermitteln sollen, dass sie vom limbischen System als neu und vor allem wünschenswert eingestuft werden.

Jedoch kann das Interesse eines Schülers nicht erzwungen werden, da das Gehirn von außen nur schwer steuerbar ist. Obwohl wir oft mit dem Argument arbeiten, dass etwas testrelevant ist, so wirkt diese extrinsische Motivation nur bedingt und wird sicherlich nicht alle SchülerInnen einer Klasse gleich motivieren können. Des Weiteren haben wir als LehrerInnen andere Erfahrungen als unsere SchülerInnen und können so auch nur bedingt einschätzen, welche Gründe von den SchülerInnen als akzeptabel eingestuft werden. Dies heißt für uns auch, dass wir je aktiver unsere Methoden sind, desto mehr SchülerInnen „erreichen“. Verglichen werden kann dies mit einem Buch, von dem man nur den Titel kennt: Wirkt der Titel attraktiv, dann wird man vermutlich einen Blick hinein werfen, ist er dies nicht, werden wir es nicht einmal in die Hand nehmen.

Neue Informationen werden durch einen Cocktail aus neuroplastischen Botenstoffen und Peptiden (Adrenalin, Noradrenalin, Dopamin, Endorphine, Enkephaline) verarbeitet, deren Ausschüttung wiederum von den individuellen Interessen eines Menschen abhängig ist. Hinzu kommt noch die Tatsache, dass jeder Mensch seine Grenzen hat, die akzeptiert und berücksichtigt werden sollten.

SchülerInnen zum Lernen zwingen zu wollen ist von vorne herein zum Scheitern verurteilt, da die intrinsische Motivation um ein Vieles stärker ist als die extrinsische Motivation. Dies bedeutet für uns, dass wir Mittel und Wege finden müssen, um die intrinsische Motivation unserer SchülerInnen zu aktivieren. Diese wiederum hängt von jenem Cocktail an Botenstoffen ab, welcher nur durch Begeisterung, d.h. durch subjektive Bewertung, ausgeschüttet wird.

Laut der konstruktivistischen Schule handelt es sich beim Lernen um einen aktiven Prozess der Bedeutungserzeugung. D.h. ein intensiver Lernprozess beinhaltet das Wachstum von und Umbauprozesse in den neuronalen Netzwerken eines Menschen. Generell geht man davon aus, dass die emotionalen Zentren im menschlichen Hirn zwischen 20 und 50 Mal pro Tag aktiviert werden können, woraufhin diese Lernprozesse einsetzen. Im Gegensatz dazu tötet jegliche Art von Routine nicht nur die Begeisterung sondern auch die Kreativität unserer  SchülerInnen. Diese Kreativität sollte jedoch gerade zur heutigen Zeit auf keinen Fall vernachlässigt werden, da Konkurrenzfähigkeit auf vielen Ebenen zu den Schlüsselkompetenzen in der heutigen Gesellschaft gehört. Nur wenn wir kreativ sind ist Innovation, die treibende Kraft einer jeden Wirtschaft, überhaupt erst möglich. Mit anderen Worten, die Konkurrenzfähigkeit eines Landes wird entscheidend durch die Ausbildung seiner Bürger beeinflusst. Heutzutage ist jedoch das Schulsystem viel zu sehr auf das Messen von Wissen aufgerichtet und diese „Testkultur“ schränkt die aktive Lernzeit der SchülerInnen erheblich ein.

Natürlich kommt keine Schule ganz ohne Messen aus, jedoch ist es wichtig, den SchülerInnen in bestimmten Bereichen Freiräume und Wahlmöglichkeiten zu bieten. Hierfür bedarf es einer neuen Didaktik, die den SchülerInnen u.a. beibringt, eine Wahl zu treffen. Diese Wahlfähigkeit ist in der heutigen „fließenden“ Gesellschaft genau so wichtig wie das Erhalten der Kreativität. Die Frage, die sich hierbei jedoch stellt ist die, ob die „ältere“ Generation wirklich entscheiden kann, was die Jugend braucht.

Im Grunde braucht jeder Mensch Erfolge und gerade deshalb müssen auch schlechtere SchülerInnen Erfolgserlebnisse haben. Haben sie diese nicht, so verlieren sie ihre Motivation, da es zu einer mechanischen Kopplung von „ich kann es nicht“ – „ich werde mich nicht anstrengen“ kommt. D.h. es muss auch bei schlechten SchülerInnen das Interesse geweckt werden, Dinge zu meistern, die sie eigentlich nicht können. Nur wenn sie Interesse haben, werden sie sich engagieren und gegebenenfalls Erfolg haben, welcher sie motiviert, sich noch größeren Herausforderungen zu stellen und Lob zu „verdienen“, welches ihr Interesse erhält. Hierbei dürfen wir nicht vergessen, dass ein Lob für einen schlechten Schüler auch schon ein nettes Lächeln oder ein anerkennender Blick sein kann, da die Motivation an die Selbstbewertung eines Menschen geknüpft ist. Hat der Schüler eine positive Selbstbewertung, werden hirneigene Opioide ausgeschüttet, was zu Freude am Lernen führt, hat  der Schüler hingegen eine negative Selbstbewertung, so kann dies zu Schmerz, Unlust und Panik führen, was den Wunsch zu lernen im Keim erstickt. Kurz: was gelingt, soll wiederholt werden, was nicht gelingt, soll vermieden werden.

Nicht vergessen werden sollte auch die Tatsache, dass Lernen im Allgemeinen ein sozialer Prozess ist und das Freundschaftshormon Oxytocin einen nicht zu vernachlässigenden Einfluss aufs Lernen hat. Die stärkste Motivation ist ein anderer Mensch, mit dem man produktiv und gerne zusammenarbeitet, weshalb man auch darauf verzichten sollte  in Gruppenarbeitsphasen die Gruppen nach eigenem Gutdünken zusammenzustellen. Viel produktiver wird der Lernprozess verlaufen, wenn man die SchülerInnen mit Freunden zusammenarbeiten lässt. Allerdings dürfen wir auch nicht aus den Augen verlieren, dass es im späteren Berufsleben nicht selten der Fall ist, dass man mit Menschen zusammenarbeiten muss, mit denen man nicht gut auskommt und dass wir unsere SchülerInnen auch auf diesen Fall vorbereiten sollten.

Im Prinzip war auch diese eLecture wieder sehr erkenntnisreich und wird mich in Zukunft meine Methodenwahl in einzelnen Klassen eventuell nochmals überdenken lassen bzw. mich dazu animieren, zu experimentieren. Allerdings gehen wir beim oben genannten Fall stets von den idealen, unbelasteten SchülerInnen aus, die aus einer intakten Familie kommen und deren Schulleben vom Rest ihres Lebens getrennt wird. Diese Trennung wird in den wenigstens Fällen in der Realität der Fall sein. Ebenso wird zwar mehrfach davon gesprochen, dass eine neue Didaktik von Nöten ist, jedoch ist es nach wie vor eine Frage, wer diese Didaktik entwerfen soll in dem Spannungsfeld zwischen Politik, Gesellschaft, dem Elternhaus (welches nicht selten die Lernhaltung eines Schülers positiv oder negativ beeinflusst) und unseren persönlichen Möglichkeiten und Energiereserven. Denn schließlich sind auch wir keine Maschinen, sondern Menschen, die neben ihrem Beruf noch viele andere Dinge haben, denen wir Aufmerksamkeit schenken müssen oder wollen und die uns negativ und positiv beeinflussen. Eine neue Didaktik bedeutet nicht zuletzt auch für uns ein Umdenken und ein Lernprozess, der ebenso fragil ist wie der unserer SchülerInnen.

Eine Aufzeichnung der eLecture können Sie hier finden.