Über Twitter erfuhr ich gestern durch Jürgen Wagner von einem Webinar des „projet LS6“, welches diesmal von der Ecole Normale Supérieure in Lyon organisiert wurde. Thematisch ging es um die Lehrerausbildung im Zeitalter des Web 2.0.

Die drei Vorträge wurden von Christine Develotte von der ENS de Lyon-Ifé (Frankreich), Mirjam Hauck von der Open University (UK) und Melinda Dooly von der Universitat Autònoma de Barcelona (Spanien) gehalten. Ein Fokus der Rednerinnen war der Fremdsprachenunterricht im eLearning-Bereich, jedoch denke ich, dass die Dinge, die ich aus den Vorträgen „mitgenommen“ habe, für den Einsatz der neuen Medien im regulären Fremdsprachenunterricht ebenso gültig sind.

[Anmerkung: Leider war es mir nicht möglich, den Vorträgen in voller Länge zu folgen, da mein eigentlich sehr leistungsstarker Computer mehrfach den Dienst versagte und ich mich neu einloggen musste. Ich vermute, dass dies an Elluminate Blackboard Collaborate lag, da ich diese Probleme bei Adobe Connect bisher noch nie hatte.]

Im Bezug auf die Lehrerausbildung wurde betont, dass erfolgreiches Lernen auf den drei Säulen der sozialen, kognitiven und lehrenden Präsenz beruhe. D.h. der Lernende muss nicht nur kognitiv anwesend sein, sondern er muss auch bereit sein, sich ins soziale Gefüge der Lerngruppe einzufügen, deren Aktivität und Struktur durch den Lehrenden in die richtige Richtung gelenkt werden muss. Das Problem dabei ist, wie so häufig, dass die Forschung auf diesem Gebiet jeden einzelnen Bereich isoliert unter die Lupe nimmt, dabei jedoch die täglich gelebte Realität eines komplexen Zusammenspiels der drei Faktoren aus den Augen verliert.

Um die Ausbildung von – in diesem Falle – eLearning-Tutoren möglichst effizient zu gestalten, würden die Lehrenden während ihrer Ausbildung nicht nur mit Theorien konfrontiert, die sie im (virtuellen) Klassenzimmer anwenden sollten, sondern sie würden während ihrer Ausbildung diesen Methoden selbst ausgesetzt, um ihnen zu ermöglichen, diese aktiv zu erleben und zu entdecken und sie dadurch zu motivieren, selbst damit zu experimentieren. So laute die Aufgabenstellung z.B. seine eigene Teilnahme in der Gemeinschaft zu analyisieren, um sie mit Hilfe eines nachfolgenden wissenschaftlichen Inputs zu reflektieren, um schließlich die gewonnenen Erkenntnisse in die Praxis mit einzubinden, um seine eigenen Schüler zur sozialen Partizipation zu motivieren. Diesen Punkt fand ich besonders wichtig, da ich selbst in meiner Ausbildung die Erfahrung gemacht habe, dass das Lernen von Theorien nichts mit der Fähigkeit, diese umzusetzen, zu tun haben muss.

Allerdings sollte nicht vergessen werden, dass die soziale Partizipation nicht zuletzt auch von der Lerngruppe selbst abhängt und dass die Lerngruppe keine statische Identität besitzt, sondern sich im Lernprozess auf der Suche nach ihrer Identität ständig verändert. Mit anderen Worten: die soziale Präsenz in einer Lerngruppe ist nicht nur Mittel zum Zweck, sondern auch Ziel des Lernenprozesses  und muss somit systematisch vom Lehrer gepflegt werden, da Lernen nur durch Kommunikation möglich, zugleich jedoch der Kommunikationswille von der Lernatmosphäre in einer Lerngruppe abhängig ist und man selbst eventuell mehr oder anders partizipiert, wenn man MitschülerInnen bei der Partizipation beobachtet. Somit sollten Lernende stetig dazu animiert werden, nicht nur das Gelernte anzuwenden, sondern auch konstant auf der Metaebene ihre Motivation, ihre Teilnahme am „Gruppenleben“ und die Relevanz ihrer sozialen Präsenz zu reflektieren.

Somit ist die Fähigkeit zur Selbstreflexion ein nicht zu unterschätzender Teil des Lernprozesses. Ziel dieses Lernprozesses ist es, die Lernenden auf ihre zukünftige Rolle in der Gesellschaft vorzubereiten und sie mit Kenntnissen auszustatten, die es ihnen erlauben, sowohl technologische als auch persönliche Kompetenzen zur Partizipation zu entwickeln. Diese Partizipation ist es, die für die Ausbildung der (virtuellen und reellen) Identität maßgebend ist, die es wiederum ermöglicht, zum Autor seiner eigenen „Geschichte“ zu werden.

Im Anschluss wurde die Frage aufgeworfen, wie es mit der Verwendung der neuen Medien im Fremdsprachenunterricht in Frankreich in der Realität aussehe. Bei einer Befragung von 130 LehrerInnen kam heraus, dass besonders gerne Webseiten von Institutionen benutzt werden, da hier schon eine (pädagogisch wertvolle?) Vorauswahl aus vielen vorhandenen Ressourcen getroffen worden sei. Gründe für die Verwendung der neuen Medien im Unterricht seien vor allem der Wunsch, den Unterricht abwechslungsreicher zu gestalten und die SchülerInnen zum eigenständigen Recherchieren zu animieren. Viele gaben schließlich noch an, zwar gerne Weblogs oder Wikis nutzen bzw. mit Hilfe der neuen Medien Online-Partnerschaften mit Kollegen (besonders aus anderen Ländern) aufbauen zu wollen, dies jedoch in der Realität (aufgrund von institutionellen Zwängen? fehlenden finanziellen Mitteln? dem Missverhältnis von Einsatz und Ertrag?) nicht zu tun. Das Fazit war, dass zwar wissenschaftliche Studien beweisen, dass der Einsatz der neuen Medien extrem nutzbringend für den Fremdsprachenunterricht sei, dass jedoch in der Realität relativ wenige LehrerInnen die neuen Medien in den Unterricht integrieren und dass dies zudem hauptsächlich im Englischunterricht und zum Training des Hörverständnisses geschehe. Dies sei nicht zuletzt darauf begründet, dass FremdsprachenlehrerInnen in Lyon (abgesehen von der Möglichkeit einen Master 2 in „Multimedia Design for Language Learning“ zu machen) nur fakultativ im Umgang mit den neuen Medien ausgebildet werden.

Schließlich wurde die Frage aufgeworfen, wieso der Einsatz der neuen Medien für Aufschreie im Lehrbereich sorge, wo er doch in allen anderen Sektoren längst zum Alltag gehöre. Weiter wurde kritisch hinterfragt, ob man zwischen Technologie und Pädagogik wählen müsse oder ob die heutigen Lehrmethoden inzwischen schon überholt seien und wir quasi in der Steinzeit festsäßen.

So gehen viele LehrerInnen und auch Eltern fälschlicherweise davon aus, dass unsere Jugend mit dem Internet groß geworden ist bzw. wird und ihr dadurch der Umgang mit den neuen Medien in die Wiege gelegt wurde. Dies ist jedoch ein Trugschluss, da sich der Umgang mit den neuen Medien zu Unterhaltungszwecken keineswegs automatisch auf den Umgang mit den neuen Medien zu Lernzwecken übertragen lässt. Manche SchülerInnen weigern sich sogar strikt, die „Werkzeuge“, die sie in ihrer Freizeit nutzen für schulische Zwecke zu „missbrauchen“. Daher ist es unsere Aufgabe als LehrerInnen, sie durch die Einbindung der neuen Medien in den Unterricht mit der Ebene des „Edutainment“ vertraut zu machen. Einziges Problem bei diesem Paradigmenwechsel könnte es sein, dass hier unweigerlich die Bewertungskomponente, welche im schulischen Bereich unvermeidlich ist, mit ins Spiel kommt. Diese kann abgeschwächt werden, indem man die Bewertung Dritten überlässt. So könnte man zum Beispiel seine SchülerInnen dazu animieren, Einträge über ihren Heimatort auf Wikipedia zu schreiben, womit die Bewertungsinstanz auf Wikipedia übertragen würde. Ein Fehler wäre es jedoch, davon auszugehen, dass eine theoretische Einführung in die neuen Medien den tagtäglichen Umgang mit den neuen Medien (z.B. durch eine praktische und konstante Integration in den Unterricht) ersetzen könnte.

Beim heutigen Fremdsprachenlernen handelt es sich nicht um einen individuellen Lernprozess, sondern um eine gesellschaftliche Handlungskompetenz, nämlich die Fähigkeit zu kommunizieren. Daraus resultiert z.B. auch der Nutzen von „communities of practice„, da Lernende bei der Beschäftigung mit für sie interessanten Inhalten in der Fremdsprache (zum Beispiel im Rahmen eines Spieleforums) sprachlich weitaus mehr lernen als im herkömmlichen Unterricht. Um einen maximalen Lernerfolg zu erzielen, ist es nötig, eine Balance zwischen Lerner- und Lehrerinput herzustellen und aufrecht zu erhalten, d.h. der Lehrer muss die neuen Medien in seinen Unterricht  integrieren und die Lernenden zur Autonomie im sprachlichen Handeln anleiten.

Aus diesem Grund ist es nötig, dass sich FremdsprachenlehrerInnen besser heute als morgen mit dem Thema „Neue Medien im Unterricht“ beschäftigen. Schließlich ist die Verwendung von herkömmlichen Medien, z.B. von Videos, schon lange Alltag im Fremdsprachenunterricht und wir sollten in unserer Vorbildfunktion den Entwicklungen der Moderne nicht hinterherhinken. Allerdings dürfen wir hier nicht vergessen, dass der Lernerfolg nicht so sehr vom Werkzeug abhängt als von der kompetenten Anwendung dieses Werkzeugs. Mit anderen Worten: ein falsch verwendetes Werkzeug kann großen Schaden anrichten, während ein gut angewendetes Werkzeug uns das Leben immens erleichtern kann.

Offen blieb zum Schluss (d.h. als mein Computer zum vierten Mal in Folge abstürzte) die Frage, ob wir nicht über eine Neudefinition unserer Bewertungsmaßstäbe nachdenken sollten wenn es nicht mehr um die individuelle Leistung (im Sinne von grammatikalisch und idiomatisch korrekter Verwendung eine Fremdsprache) sondern um die damit erzielte Handlungskompetenz, d.h. die Kommunikationsfähigkeit, geht. Denn schließlich sollten wir nicht nur das Klassenzimmer für die Welt öffnen, sondern auch die Welt ins Klassenzimmer holen.

Das einzige Manko bei den ansonsten wirklich sehr interessanten Vorträgen war die Tatsache, dass alle Vortragenden etwas durch die knappe Zeit gehetzt schienen und teilweise so schnell durch die Folien klickten, dass man keine Zeit hatte, diese wenigstens kurz zu studieren und nebenbei noch dem Geschehen im Chat zu folgen. Ebenso war es aus diesem Grund für die Vortragenden unmöglich, teilweise zum Verständnis notwendige Dinge wenigstens kurz zu erklären.

Das Twitter-Hashtag des Seminars lautet #LLSM6 und die Aufzeichnung des Webinars kann hier  gefunden werden.